Die granulare Gesellschaft und die anti-moderne Reaktion

„Der Islam bedroht das Abendland“.
„Die Flüchtlinge bedrohen unsere kulturelle Identität“.
„Das deutsche Volk ist in Gefahr“.

Diese und ähnliche Parolen sind seit über einem Jahr aus der rechtspopulistischen Ecke um AfD und Pegida zu hören. Solche Aussagen sind Ausdruck einer anti-modernen Reaktion auf eine zunehmend granulare Gesellschaft. Heute ist eine der wichtigsten Fragen für unsere Zukunft, ob sich in unserer Gesellschaft eine Mehrheit für den Antimodernismus oder für den Granularismus entwickeln wird.

Kurz zur Begriffsklärung: Mit „modern“ meine ich den Zeitgeist, der beschreibt, dass Menschen ihre Lebensrealität als grundlegend anders und weiter entwickelter verstehen, wenn sie ihre Welt mit der früheren Welt oder anderen, zeitgleichen „nicht-modernen“ Gesellschaften vergleichen. „Antimodernismus“ ist eine Einstellung, welche jene Veränderungen, welche die „Moderne“ auszeichnen, aktiv zurückdrehen möchte. Sie unterscheidet sich somit vom „Konservativismus“, der den jetztigen Zustand weitestgehend bewahren will. Konservative stehen Phänomenen der Neu- oder Weiterentwicklung kritisch, aber nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber, akzeptieren daher also (als notwendig oder positiv) erachtete Veränderungen und setzen sie behutsam um. Antimoderne postulieren im Gegensatz dazu eine grundlegende, „natürliche“ Ordnung, deren Abweichungen aktiv begradigt werden müssen. Mit „Granularismus“ meine ich die von Christoph Kucklick in seinem Buch „Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst“ beschriebene Entwicklung: die Menschen in unserer digital geprägte Gesellschaft werden mit so vielen Faktoren in einer derartigen Auflösung vermessen, dass es zunehmend schwierig, ja sogar arbiträr oder unsinnig wird, Gruppen zu definieren. Jeder Mensch ist seine eigene Minderheit.

Die Zusammenfassung von Kucklicks Buch, das ich selbst auch nicht gelesen habe, stammt aus dem Podcast „In trockenen Büchern“ von Alexandra Tobor. Ich kann euch dabei nicht nur diese, sondern direkt alle Folgen dieses Podcasts nur wärmstens empfehlen.

Kucklick beschreibt in seinem Buch, wie die uns bisher prägenden Faktoren und Institutionen zunehmend an Gültigkeit und Trennschärfe verlieren. Dies führt zu Spannungen, welche den Aufstieg der Rechtspopulisten nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und den USA erklären können. Die Diskussionen um die Gleichberechtigung homosexueller Menschen, die zunehmende Infragestellung binärer Geschlechtszuweisungen (etwa durch/ bei Conchita Wurst), die Möglichkeit, bei Facebook 56 verschiedene Geschlechter wählen zu können – das alles verunsichert viele Menschen, die zu wissen glaub(t)en, dass es Mann und Frau gibt und nichts dazwischen, dass eine Familie aus Mutter-Vater-Kind besteht und dass Homosexualität eine krankhafte Abweichung vom natürlichen Fortpflanzungstrieb ist.

Ebenso hat unsere globalisierte Welt zur Verwirrung gefühlt. Eine Freundin von mir ist in Italien geboren, lebte in Frankreich, der Ukraine, Finnland und Belgien, spricht ein halbes Dutzend Sprachen, hat 2 Abschlüsse an 3 Universitäten in ebenso vielen Ländern gemacht und ist jetzt Praktikantin für die Europäische Kommission. Vor zwei Generationen noch war es außergewöhnlich, wenn jemand über eine Dorfgrenze hinweg umzog. Meine Eltern wurden noch bei der Grenzüberquerung nach Österreich kontrolliert. Ich fuhr ohne Personalausweis mit der Schule nach Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich. „Nation“, „Volk“, „Kultur“, alle diese Begriffe werden zunehmend unsinnig, verschwommen, uneindeutig, fragwürdig.

Diese Fragwürdigkeit der Faktoren, welche für lange Zeit als Grundlage der eigenen Identität galten, ziehen zwei mögliche Reaktionen nach sich: Akzeptanz und Adaption, oder Ablehnung und Reaktanz. Was AfD und Pegida ausmacht, ist ihre Ablehnung der Granularität. Sie klammern sich an die alten Ordnungsmuster („Volk“, „Nation“, „Religion“, „Ethnie“, „Herkunft“, „Kultur“) und wollen aktiv deren Gültigkeit durchsetzen.

Darum hört man aus den Reihen der Rechtspopulisten, dass „die Flüchtlinge“, „der Islam“, die „Anderen“, ein Gefahr für „uns“, für „das Abendland“, für „das deutsche Volk“ seien. Diese Konstruktion der Welt ist eine aktive Gegenbewegung gegen den Granularismus. In einer granularen Welt wird ein Sexualstraftäter als Sexualstraftäter gesehen. In einer nicht-granularen Sichtweise folgert man aus den Taten einiger Dutzend Sexualstraftätern in Köln eine repressive Politik gegen alle Menschen, deren persönliche Eigenschaften zu einem bestimmten Maß mit den Tätern übereinstimmen. Im Klartext: Sind einige arabisch/ nordafrikanische Menschen als Sexualstraftäter identifiziert, so ist der nicht-granulare Fehlschluss, dass alle so aussehenden Männer mögliche Vergewaltiger sind. Wenn in Paris ein Dutzend islamistischer Terroristen Terroranschläge verüben, so scheinen alle Muslime potenziell gefährlich.

Ich möchte hier weder die Taten der sogenannten „besorgten Bürger“ noch irgendwelche Sexualstraftaten oder gar Terroranschläge entschuldigen, relativieren oder rechtfertigen. Nichts liegt mir ferner. Ich versuche lediglich, eine Erklärung für das Wachsen rechtspopulistischer, antimoderner Bewegungen wie Pegida und AfD zu liefern. Ebenso könnte ich mit einer ähnlichen Argumentationsstruktur das Erstarken salafistischer Bewegungen oder des „Islamischen Staats/ Daesh“ erklären; diese sind mit ihrem Wunsch nach einem religiös homogonen Staat, den sie aktiv gewaltsam herbeiführen wollen, ebenso ein antimodernes Gebilde. Der tägliche Diskurs, auch vieler Politiker/innen älterer Parteien, deuten darauf hin, dass die alten Ordnungsmuster bei vielen Menschen noch immer hohe Bedeutung haben und dass die Auflösung dieser Muster durch die granulare Vermessung der Menschen auch hier zu nicht-rationalen Reaktionen führt. Der Unterschied liegt oftmals darin, ob die vorgeschlagene Reaktion eine graduelle Anpassung der Ordnungsmuster ist oder eine rigorose Durchsetzung der Gültigkeit der alten Systemstrukturen.

Sämtliche antimodernen Bewegungen sind darauf aus, mit ihren Parolen die Granularität der Menschen – also das Betrachten jedes Menschen als ein singuläres Wesen – zurückzudrängen. Man will die alten Deutungsmustern, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung verloren, aktiv wieder mit Bedeutung füllen. Die Unterschiede zwischen den Menschen sollen auf eine solche Art verschleiert und unsichtbar gemacht werden. Bei AfD und Pegida ist das die Rhetorik des „Wir = westlich, demokratisch, zivilisiert, christlich“ gegen das „Andere = östlich, undemokratisch, barbarisch, islam(ist)isch“ greift. Bei Daesh ist es – soweit ich deren Ideologie verstehe – ein „Wir = wahrhaft islamisch“ gegen das „nicht- oder falsch/ häretisch-islamische“. Antimoderne Bewegungen haben ihre Geschichte, aber ihr Widerspruch zur wahrgenommenen Realität wird durch die zunehmend granulare Durchleuchtung der Welt immer frappierender und offensichtlicher.

Auch die NSDAP war eine antimoderne Bewegung, deren Erfolg auch mit der allgemeinen Verunsicherung durch die damalige Moderne zu erklären ist. Die Verwissenschaftlichung und Mechanisierung der Landwirtschaft bedeutete damals, dass ein Großteil der Menschen ihr Geld mit Produktions- und Dienstleistungsberufen verdiente; dennoch versprach die NS-Propaganda im „Lebensraum im Osten“ schier unbegrenzte Ackerflächen für Kleinbauern. Die Erkenntnisse in der Biologie und Anthropologie zeigten auf die lange, verzweigte Entwicklung der Menschheit hin; die NS-Propaganda aber teilte Menschen in Rassen ein, deren Wertigkeit sich voneinander unterschied. In einer Zeit der ersten globalen Finanzströme, regelmäßiger Transkontinentalflüge und dem Beginn des weltweiten Tourismus baute der NS-Staat an einem autarken, abgeschlossenen Nationalsystem. Die antimoderne Vision des NS-Staats sollte mit Gewalt umgesetzt werden, und wir alle kennen die Geschichte gut genug, um zu wissen, was daraus wurde.

Wir stehen wieder an so einem Punkt. Die digitale Welt, die globalisierten Probleme unserer einen Welt, die radikale und zunehmende Individualisierung der Menschen sind angsteinflößend. Die alten Schubladen im Kopf, mit denen man sich die Welt erklärt, werden nutzlos. Aber es kann und darf nicht die Reaktion sein, das neue, granulare Wissen als falsch abzulehnen und mit aller Gewalt die alten Strukturen am Leben zu erhalten, ja, sie aktiv wieder aufzubauen. Wir müssen unsere Angst überwinden, die viele aufgrund des Zusammenbröckelns der alten Deutungsmuster verspüren. Wir alle sind Menschen, die ihren eigenen Kopf und ihr eigenes Herz haben. Die Granularität der Daten zeigt: wir müssen klug genug sein, um aufhören, Menschen in große, einfache Schubladen zu stecken und einen großen Aufkleber drauf zu pappen. Die Antimodernen, egal ob sie sich AfD oder Daesh nennen, wollen mit Gewalt diese Schubladen retten und jeden Menschen in die „passende“ Schublade stecken. Das dürfen wir nicht zulassen.

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Und schon ist das #histocamp rum

Am Wochenende war es dann – nach ein paar Monaten der Vorbereitung und der Vorfreude fand am Wochenende das histocamp statt, das erste BarCamp für alle, die an und mit Geschichte arbeiten.

Es war wunderbar. Wir hatten ein tolles Orgateam, denen ich allen an dieser Stelle nochmal ganz doll danken möchte. Wir hatten geniale Sessions, spannende Diskussionen und nette Gespräche. Falls es überhaupt zur Debatte steht – ich möchte unbedingt nochmal ein histocamp haben.

Ich werde bestimmt noch was zu den einzelnen Sessions schreiben, die ich gesehen habe – und auch was über die Session, die ich gehalten habe. Aber hier möchte ich über die Archivführung im AdsD schreiben. Denn der Samstag in der FES war ein ganz besonderer Tag für mich als Historiker – ich war das erste Mal im Archiv.

20151128_133152Das Archiv hat 56 laufende Kilometer an Aktenmaterial und weiterem Archivgut, verteilt auf 3 Stockwerke im Keller. Diese sind allesamt lüftungs-, teilweise sogar klimakontrolliert. Begonnen hat das jetztige Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) mit Unterlagen sozialdemokratischer Widerstands- und Untergrundsgruppen der NS-Zeit, und es sammelt zudem natürlich Dokumente der bundesrepublikanischen SPD, verwandter Organisationen und ebenso vieler Gewerkschaften. Einiges des Sammlungsbestands besteht auch aus bedeutend älterem Material, etwa den Briefen von Rosa Luxemburg an ihren Geliebten.

EDIT: Ursprünglich hatte ich Rosas Namen ‚Luxembourg‘ geschrieben; tatsächlich ist die Schreibweise ‚Luxemburg‘ bzw. ‚Luksenburg‘ in der nicht eingedeutschten Schreibweise. Danke an Hanna  für den Hinweis.

20151128_135825 Was ich nicht wusste, war, dass Archive sehr oft damit kämpfen, dass die ihnen zugetragenen Materialen so ungeordnet ankommen, dass es notwendig ist, in langer Arbeit eine eigene Ordnungslogik zu entwickeln. Wenn dann doch mal ein Aktenplan mit den Unterlagen kommt, dann freuen sich Archivare. Und das sieht dann so aus:

20151128_134342Natürlich finden sich im AdsD auch viel zu den bundesrepublikanischen Granden der Sozialdemokratie. Stellvertretend dafür sieht man im Bild die Aktentaschen von Herbert Wehner – teilweise noch mit Originalfüllung:

20151128_134648

Oder ein Zettel, auf dem 1966 die Verhandlungsergebnisse für die 1. Große Koalition festgehalten wurden:

20151128_134930Insgesamt war es ein sehr spannender Ausflug in die Tiefen des Papierdschungels, der sicher noch viele spannende Geheimnisse enthält und viele Historiker/innen noch lange beschäftigen wird. Danke nochmal für die schöne Führung durch das AdsD!

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ES und Helmut Schmidts Tod

Ole Reißmann hat auf Bento einen Artikel über Erika Steinbachs geschmacklosen Tweet[1] zu Helmut Schmidts Tod geschrieben. Dort plädiert er dafür, ES zu ignorieren, da sie ein typischer Troll ist, der nur provozieren und nerven will. Wenn ES ein Troll wie jede(r) andere wäre, wäre das auch eine gute Idee. Leider sitzt sie im Bundestag und ist dort Sprecherin für Menschenrechte in der größten Regierungsfraktion. Und wer sie in so einer Positon ignoriert, überlässt ihr einen Teil des Diskurses und somit einen Teil der Wirklichkeit, den sie gestalten kann. Daher reicht ignorieren nicht aus.

Wir müssen ES ignorieren – aber sie sitzt sowieso im ätzenden Teil des Internets. Darüber hinaus liegt es aber an uns: Wir müssen auch selber gute Dinge tun, gute Dinge sagen. Nur wer spricht und handelt, baut am Diskurs und der Wirklichkeit mit. Nur Dinge, die gesagt werden, verändern Realitäten in Köpfen. Wir können mit unseren Argumenten nicht alle überzeugen – manche Menschen sind so weit out there, die kriegen wir nicht mehr zurück. Aber die auf der Kippe, die dürfen wir nicht den Hassspritzen überlassen. Die müssen wir mit guten Worten und Taten überzeugen. Und das können wir (auch) damit machen, dass wir die gute Seite des Internets stärken.

Alles, was ES im Internet kann, ist, es schmutziger und dreckiger zu machen. Und dagegen hilft nur, gute Dinge zu tun. Das Internet ist ein unglaubliches Tool, um schöne Dinge zu produzieren. Ob es Karo Doerings Tweet war, der zum histocamp führte, oder Derek Muellers Idee der Snatoms, die innerhalb von wenigen Stunden ihr Kickstarter-Ziel erreichten.

Baut mit an einer schönen Welt, und einem schönen Internet. Und lasst ES nicht euren Tag vermiesen. Wir können es besser, und wir sind besser. Ignoriert sie – wie @oler es sagt – und tut darüber hinaus gute Dinge.


[1] Weder ES noch der Tweet kriegen von mir einen Link. Teil meiner ‚Schöneres-Internet‘-Initative ist es, auf sowas garnicht zu linken. Wer will, findet’s doch eh.

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If this then that – If Blogbeitrag then Reddit

Ich habe schon öfters gejammert, dass ich keine ansprechende Art finde, wie ich meine Blogabos gut präsentiert bekomme. Flipboard fand ich zu cluncky, Feedly zu hässlich, TinyTinyRSS hab ich nicht mal im Ansatz verstanden. Durch den Podcast ‚Hello Internet‚ bin ich auf IFTTT gestoßen; ‚if this then that‘.

Via IFTTT konnte ich mir sogenannte Rezepte basteln, welche, so die Eigenwerbung der Seite, „das Internet für mich arbeiten lassen“. Und einen Haufen meiner Rezepte sehen jetzt so aus:

linkWenn jetzt z.B. die Juna auf Irgendwie Jüdisch auf ihrem Blog was veröffentlicht, bekomme ich automatisch einen Link auf mein privates Subreddit auf Reddit. Dort sehe ich, was neu ist. Es wird mir über meine Devices hinweg synchron angezeigt, was ich gelesen habe. Es ist zwar keine ästhetische Meisterleistung, aber schön übersichtlich, und zudem kenne ich mich mit Reddit aus.

Und so sind meine Blog-Lese-Probleme erstmal gelöst. Wenn was kommt, kriege ich es mit. Wenn ich es lesen will, kann ich es fast immer und fast überall. Und außerdem kriegen die Leute auch die Klicks auf ihre Seiten, weil ich ja nur den Link und nicht den Text auf Reddit parke. Ich bin mit der Lösung total zufrieden.

Und weil ich IFTTT so faszinierend fand, habe ich noch ein paar andere Rezepte gebastelt. So habe ich inzwischen ein Spreadsheet, das mir zeigt

  • wann, wie lange und zu welchem Stand mein Handyakku geladen wurde
  • wie lange ich in welchem WLAN-Netz registriert war
  • wann ich mich wo bei Swarm/Foursquare eingeloggt habe
  • wen ich wann angerufen habe bzw. wer mich wann angerufen hat (samt Nr und Rufdauer)
  • welche Items ich wann auf meiner ToDoList erledigt habe

Wenn andere Leute Big Data über mich sammeln, dann kann ich das auch 😉

Zudem sammele ich über IFTTT noch,

  • was über den @histocamp-Account getwittert wird
  • welche Tweets mit #histocamp abgeschickt werden
  • und welche Tweets in Trier und Umgebung abgeschickt werden (wegen @trierdigital)
  • welche Tweets mit #Trier abgeschickt werden (unglaublich viel Spam).

Die letzteren beiden Rezepte plane ich mittelfristig auch für Instagram zu etablieren.

Und nicht zuletzt lasse ich via IFTTT tracken, wann die ISS über Trier ist. Ich guck die doch so gerne.

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Ich glaube, ich habe ’ne Lösung

Nachdem ich ein paar Threads auf Reddit gestartet habe, habe ich (glaub ich) endlich eine Lösung zur Organisation meiner Bibliothek gefunden. Mittels dreier hilfreicher Websites (LibraryThing, OCLC, ISBN2Dewey) kann ich die Grunddaten meiner Bücher eingeben und dann – und das ist der Hammer-Clou! – eine Dewey Decimal Number vergeben (lassen). Ich war so begeistert, dass ich am Wochenende schon mal 100+ Bücher eingehackt habe.

20151101_193544Wenn ich mit meinen Büchern fertig bin, werde ich meine Regale entsprechend umräumen. Ich überlege auch grade ernsthaft, mir einen Labelmaker zu Weihnachten zu wünschen, um meine Bücherrücken ordentlich zu beschriften. Jingle Bells, Jingle Bells….

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25 Jahre Einheit

Ich wurde geboren, da gab es die DDR noch. Kurz vor meinem 2. Geburtstag war dann die DDR passé. Und jetzt twitterte mich das Haus der Geschichte in Bonn an und fragte

„Könnt ihr eigentl. noch was mit der Wiedervereinigung anfangen?“

Puh.

Meine Reaktion war ein großes JA! Und jetzt muss ich das mal erklären.

Natürlich habe ich keinerlei eigene Erinnerungen an die DDR, und ich habe das tatsächliche Staatsgebiet niemals besucht. Auch das, was mal DDR war, kenne ich kaum; ich habe lediglich einen Teil Ostberlins vor langer Zeit einmal gesehen, als ich mit 12 Jahren mit meiner Familie in Berlin Urlaub machte. Erinnern kann ich mich daran kaum, nur fand ich es wohl – so haben es mir meine Eltern letztens erzählt – lustig, in der S-Bahn Witze über „Ossis“ zu machen. Natürlich hatte ich damals keine reflektierte Vorstellung über Ostdeutschland, aber wenn man am Rand der Eifel, also des tiefen, katholisch geprägten Westens Deutschlands sozialisiert wird, bleiben halt anscheinend nur Vorurteile und Witze über die bananenlosen Tröpfe im Tal der Ahnungslosen hängen.

Die Wiedervereinigung ist etwas, das für mich ein klarer Teil der deutschen und europäischen Geschichte ist. In meiner Alltagserfahrung spielt es daher heute keine Rolle, dass einige meiner Freunde aus den neuen Bundesländern kommen. Viele von ihnen wurden ja bereits nominell in der BRD geboren, und haben viele mir gleiche Sozialisationserfahrungen gemacht. Das ist etwas, was mich z.B. von der Generation meiner Eltern radikal unterscheidet. Wer in den 1960ern geboren wurde, hat wahrscheinlich entweder die distinkt westdeutsche oder ostdeutsche Erfahrung gemacht. Da ist es wichtig, Wessi oder Ossi zu sein. Für mich ist es das in keiner Weise. Die alte BRD (1949-1989) ist für mich ein fast genauso fremdes Land wie die DDR.

Daher erscheinen mir, so vermute ich, viele Dinge merkwürdig, welche z.B. meine Eltern in ihrer historischen Entwicklung begleitet und internalisiert haben. Wenn ich eine alte Tagesschau aus den 1980ern sehe, dann empfinde ich die Darstellung des westdeutschen Staatsgebiets als ‚unvollständig‘ – für meine Eltern war das jahrzehntelang wahrgenommene Realität, und wahrscheinlich mussten die sich erst mal daran gewöhnen, dass in der Tagesschau Deutschland auf einmal größer war und es irgendwann auch immer seltener „Bonn“ und viel öfter „Berlin“ hieß.

Ich habe ja auch die Zeiten von Treuhand, „blühenden Landschaften“ und dann doch nicht blühenden Landschaften auch nicht mitbekommen. In der Rückschau mit historisierender Distanz ist es klar, dass die Umstrukturierung der Wirtschaft von Plan- auf Marktwirtschaft (mit ihrer Mischung aus neoliberalen, sozialen und ökologischen Aspekten) langwierig, teuer und voller struktureller und persönlicher Brüche sein musste.

Was mich lange störte und immer noch stört, ist der ‚ostalgische‘ Umgang mit der DDR-Geschichte. Ja, hihi, die waren alle nackt baden, hatten komische Produktnamen, und auf den Trabbi musste man lange warten. Und hihi, wie die alle aussahen und anstanden und ach, irgendwie war das ja alles ein großer Witz in der Rückschau. Mir kommen bei solchen medialen Darstellungen immer die diktatorischen Elemente zu kurz: Stasi, politisch motivierte Inhaftierungen, die Unmenschlichkeit (und nicht einfach die inconvenience der Mauer) und die FDJ. Wie eine Regierung es schaffte, wenige Jahre nach der Hitlerjugend wieder eine ideologische Jugendmassenorganisation zu gründen, ohne dass massenhaft der offensichtliche Vergleich gezogen wurde, ist mir ein absolutes Rätsel.

Was ich allerdings noch bedenklicher finde, ist die aktuelle, alltagspolitische Zweiteilung der Bundesrepublik. Aufbauend auf rechtsextremen Organisationsstrukturen der 1990er schafften es mehrere rechte Parteien in den 2000ern immer wieder, in ostdeutsche Parlamente auf allen Ebenen einzuziehen. Dieser Trend hat sich insofern stabilisiert, als dass die AfD letztes Jahr mit beachtlichen Margen über die 5%-Hürde in Brandenburg, Sachsen und Thüringen sprang. Die PEGIDA-Bewegung entstand in einem ostdeutschen Bundesland. Natürlich wird das Bild des ausländerfeindlichen Ossis auch teilweise von den Medien bedient, und auch viele westdeutsche Städte, Kreise und Länder haben massive Probleme mit Menschen rechter Gesinnung. Ich komme aber irgendwie dennoch nicht über das Gefühl hinweg, dass viele Menschen, die in der DDR und dann den neuen Bundesländern aufwuchsen und leben, politisch grundlegend anders sozialisiert sind als die Mehrheit der Westdeutschen. Ich habe den Eindruck, hier existiert noch eine der größten, wenn nicht die massivste Teilung, welche in 25 Jahren Einheit nicht überwunden wurde. Und ebendiese Unterschiede führen zu m.E. massiv unterschiedlichen Reaktionen auf z.B. die aktuell hohe Zahl an flüchtenden Menschen, und das beschäftigt mich sehr. Um es klar zu sagen: In Ostdeutschland hat man es mit Migrations- oder Fluchthintergrund im Durchschnitt garantiert schwerer als in Westdeutschland.

Und daher: Ja, ich kann etwas mit der Wiedervereinigung anfangen. Sie ist nämlich noch lange nicht vorbei, das haben uns die letzten Monate gezeigt. Und daher ist es natürlich wichtig, über diese Vergangenheit zu reden. Daraus müssen aber auch gesellschaftliche Diskussionen und Aktionen erwachsen, welche Schritte in die Zukunft genommen werden sollen. In 25 Jahren wird sich spätestens wieder erinnert werden, und ich bin gespannt, halbwegs optimistisch (und leider auch ein wenig besorgt), wie Deutschland dann innen aussehen wird.

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Aus eins mach zwei

Let’s face it. Ich werde nicht mehr ewig Student sein, und irgendwann muss ich wenigstens ansatzweise seriös wirken. Und deswegen werde ich bald – read: after my holidays 😉 – daran gehen, meine Online-Identität (@historytoby) zu ‚professionalisieren‘ und eine private Identität (@toby_koby) einzurichten. Die Trennung wird eigentlich recht einfach sein – alles, was mit Geschichte, Museen, SocialEduMedia zu tun hat, bleibt auf @historytoby; alles, was mit meinen politischen Ansichten, LGBTQI*-Rights, und so allem anderen alltäglichen Quatsch zu tun hat, kommt auf @toby_koby. Entsprechend werde ich mein Blog einmal durchmisten, alte, irrelevante Beiträge auf ein entsprechendes Blog umziehen lassen und versuchen, meine Tweets und Blogs thematisch einigermaßen stringent zu trennen.

Grund ist einfach der, dass ich mir mit den Accounts von @historytoby bzw. diesem Blog ein Portfolio basteln will, das meine Arbeit an und mit Geschichte widerspiegelt und mich in meinem Umgang mit Social Media professionalisiert. Weil ich ganz ehrlich es ziemlich toll fände, nach meinem Studium im Bereich der historischen und kulturellen Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftskommunikation zu arbeiten. Hier kann ich das üben, und hier kann ich mich profilieren. Ich möchte einfach in der Lage sein, bei einer Bewerbung @historytoby und historytoby.wordpress.com als Referenzen für meine Arbeit angeben zu können.

Denn, ganz ehrlich: Es sind viele Einträge in diesen Blog nicht geschrieben worden, weil ich Bedenken hatte, ob ich damit nicht das hier zu einer thematischen Matsche mache. Leider war ich damit nicht ganz konsequent, und es ist eine Halbmatsche. Daher muss ich jetzt einmal sieben und trennen. Dann kann ich meinem privaten Blog ganz ungeniert über alles und jeden schreiben, und hier kann ich dann vorzeigbare Texte (‚Schreibproben‘) erstellen. Ich bin mal gespannt, ob und wie das funktioniert.

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