Die granulare Gesellschaft und die anti-moderne Reaktion

„Der Islam bedroht das Abendland“.
„Die Flüchtlinge bedrohen unsere kulturelle Identität“.
„Das deutsche Volk ist in Gefahr“.

Diese und ähnliche Parolen sind seit über einem Jahr aus der rechtspopulistischen Ecke um AfD und Pegida zu hören. Solche Aussagen sind Ausdruck einer anti-modernen Reaktion auf eine zunehmend granulare Gesellschaft. Heute ist eine der wichtigsten Fragen für unsere Zukunft, ob sich in unserer Gesellschaft eine Mehrheit für den Antimodernismus oder für den Granularismus entwickeln wird.

Kurz zur Begriffsklärung: Mit „modern“ meine ich den Zeitgeist, der beschreibt, dass Menschen ihre Lebensrealität als grundlegend anders und weiter entwickelter verstehen, wenn sie ihre Welt mit der früheren Welt oder anderen, zeitgleichen „nicht-modernen“ Gesellschaften vergleichen. „Antimodernismus“ ist eine Einstellung, welche jene Veränderungen, welche die „Moderne“ auszeichnen, aktiv zurückdrehen möchte. Sie unterscheidet sich somit vom „Konservativismus“, der den jetztigen Zustand weitestgehend bewahren will. Konservative stehen Phänomenen der Neu- oder Weiterentwicklung kritisch, aber nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber, akzeptieren daher also (als notwendig oder positiv) erachtete Veränderungen und setzen sie behutsam um. Antimoderne postulieren im Gegensatz dazu eine grundlegende, „natürliche“ Ordnung, deren Abweichungen aktiv begradigt werden müssen. Mit „Granularismus“ meine ich die von Christoph Kucklick in seinem Buch „Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst“ beschriebene Entwicklung: die Menschen in unserer digital geprägte Gesellschaft werden mit so vielen Faktoren in einer derartigen Auflösung vermessen, dass es zunehmend schwierig, ja sogar arbiträr oder unsinnig wird, Gruppen zu definieren. Jeder Mensch ist seine eigene Minderheit.

Die Zusammenfassung von Kucklicks Buch, das ich selbst auch nicht gelesen habe, stammt aus dem Podcast „In trockenen Büchern“ von Alexandra Tobor. Ich kann euch dabei nicht nur diese, sondern direkt alle Folgen dieses Podcasts nur wärmstens empfehlen.

Kucklick beschreibt in seinem Buch, wie die uns bisher prägenden Faktoren und Institutionen zunehmend an Gültigkeit und Trennschärfe verlieren. Dies führt zu Spannungen, welche den Aufstieg der Rechtspopulisten nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und den USA erklären können. Die Diskussionen um die Gleichberechtigung homosexueller Menschen, die zunehmende Infragestellung binärer Geschlechtszuweisungen (etwa durch/ bei Conchita Wurst), die Möglichkeit, bei Facebook 56 verschiedene Geschlechter wählen zu können – das alles verunsichert viele Menschen, die zu wissen glaub(t)en, dass es Mann und Frau gibt und nichts dazwischen, dass eine Familie aus Mutter-Vater-Kind besteht und dass Homosexualität eine krankhafte Abweichung vom natürlichen Fortpflanzungstrieb ist.

Ebenso hat unsere globalisierte Welt zur Verwirrung gefühlt. Eine Freundin von mir ist in Italien geboren, lebte in Frankreich, der Ukraine, Finnland und Belgien, spricht ein halbes Dutzend Sprachen, hat 2 Abschlüsse an 3 Universitäten in ebenso vielen Ländern gemacht und ist jetzt Praktikantin für die Europäische Kommission. Vor zwei Generationen noch war es außergewöhnlich, wenn jemand über eine Dorfgrenze hinweg umzog. Meine Eltern wurden noch bei der Grenzüberquerung nach Österreich kontrolliert. Ich fuhr ohne Personalausweis mit der Schule nach Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich. „Nation“, „Volk“, „Kultur“, alle diese Begriffe werden zunehmend unsinnig, verschwommen, uneindeutig, fragwürdig.

Diese Fragwürdigkeit der Faktoren, welche für lange Zeit als Grundlage der eigenen Identität galten, ziehen zwei mögliche Reaktionen nach sich: Akzeptanz und Adaption, oder Ablehnung und Reaktanz. Was AfD und Pegida ausmacht, ist ihre Ablehnung der Granularität. Sie klammern sich an die alten Ordnungsmuster („Volk“, „Nation“, „Religion“, „Ethnie“, „Herkunft“, „Kultur“) und wollen aktiv deren Gültigkeit durchsetzen.

Darum hört man aus den Reihen der Rechtspopulisten, dass „die Flüchtlinge“, „der Islam“, die „Anderen“, ein Gefahr für „uns“, für „das Abendland“, für „das deutsche Volk“ seien. Diese Konstruktion der Welt ist eine aktive Gegenbewegung gegen den Granularismus. In einer granularen Welt wird ein Sexualstraftäter als Sexualstraftäter gesehen. In einer nicht-granularen Sichtweise folgert man aus den Taten einiger Dutzend Sexualstraftätern in Köln eine repressive Politik gegen alle Menschen, deren persönliche Eigenschaften zu einem bestimmten Maß mit den Tätern übereinstimmen. Im Klartext: Sind einige arabisch/ nordafrikanische Menschen als Sexualstraftäter identifiziert, so ist der nicht-granulare Fehlschluss, dass alle so aussehenden Männer mögliche Vergewaltiger sind. Wenn in Paris ein Dutzend islamistischer Terroristen Terroranschläge verüben, so scheinen alle Muslime potenziell gefährlich.

Ich möchte hier weder die Taten der sogenannten „besorgten Bürger“ noch irgendwelche Sexualstraftaten oder gar Terroranschläge entschuldigen, relativieren oder rechtfertigen. Nichts liegt mir ferner. Ich versuche lediglich, eine Erklärung für das Wachsen rechtspopulistischer, antimoderner Bewegungen wie Pegida und AfD zu liefern. Ebenso könnte ich mit einer ähnlichen Argumentationsstruktur das Erstarken salafistischer Bewegungen oder des „Islamischen Staats/ Daesh“ erklären; diese sind mit ihrem Wunsch nach einem religiös homogonen Staat, den sie aktiv gewaltsam herbeiführen wollen, ebenso ein antimodernes Gebilde. Der tägliche Diskurs, auch vieler Politiker/innen älterer Parteien, deuten darauf hin, dass die alten Ordnungsmuster bei vielen Menschen noch immer hohe Bedeutung haben und dass die Auflösung dieser Muster durch die granulare Vermessung der Menschen auch hier zu nicht-rationalen Reaktionen führt. Der Unterschied liegt oftmals darin, ob die vorgeschlagene Reaktion eine graduelle Anpassung der Ordnungsmuster ist oder eine rigorose Durchsetzung der Gültigkeit der alten Systemstrukturen.

Sämtliche antimodernen Bewegungen sind darauf aus, mit ihren Parolen die Granularität der Menschen – also das Betrachten jedes Menschen als ein singuläres Wesen – zurückzudrängen. Man will die alten Deutungsmustern, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung verloren, aktiv wieder mit Bedeutung füllen. Die Unterschiede zwischen den Menschen sollen auf eine solche Art verschleiert und unsichtbar gemacht werden. Bei AfD und Pegida ist das die Rhetorik des „Wir = westlich, demokratisch, zivilisiert, christlich“ gegen das „Andere = östlich, undemokratisch, barbarisch, islam(ist)isch“ greift. Bei Daesh ist es – soweit ich deren Ideologie verstehe – ein „Wir = wahrhaft islamisch“ gegen das „nicht- oder falsch/ häretisch-islamische“. Antimoderne Bewegungen haben ihre Geschichte, aber ihr Widerspruch zur wahrgenommenen Realität wird durch die zunehmend granulare Durchleuchtung der Welt immer frappierender und offensichtlicher.

Auch die NSDAP war eine antimoderne Bewegung, deren Erfolg auch mit der allgemeinen Verunsicherung durch die damalige Moderne zu erklären ist. Die Verwissenschaftlichung und Mechanisierung der Landwirtschaft bedeutete damals, dass ein Großteil der Menschen ihr Geld mit Produktions- und Dienstleistungsberufen verdiente; dennoch versprach die NS-Propaganda im „Lebensraum im Osten“ schier unbegrenzte Ackerflächen für Kleinbauern. Die Erkenntnisse in der Biologie und Anthropologie zeigten auf die lange, verzweigte Entwicklung der Menschheit hin; die NS-Propaganda aber teilte Menschen in Rassen ein, deren Wertigkeit sich voneinander unterschied. In einer Zeit der ersten globalen Finanzströme, regelmäßiger Transkontinentalflüge und dem Beginn des weltweiten Tourismus baute der NS-Staat an einem autarken, abgeschlossenen Nationalsystem. Die antimoderne Vision des NS-Staats sollte mit Gewalt umgesetzt werden, und wir alle kennen die Geschichte gut genug, um zu wissen, was daraus wurde.

Wir stehen wieder an so einem Punkt. Die digitale Welt, die globalisierten Probleme unserer einen Welt, die radikale und zunehmende Individualisierung der Menschen sind angsteinflößend. Die alten Schubladen im Kopf, mit denen man sich die Welt erklärt, werden nutzlos. Aber es kann und darf nicht die Reaktion sein, das neue, granulare Wissen als falsch abzulehnen und mit aller Gewalt die alten Strukturen am Leben zu erhalten, ja, sie aktiv wieder aufzubauen. Wir müssen unsere Angst überwinden, die viele aufgrund des Zusammenbröckelns der alten Deutungsmuster verspüren. Wir alle sind Menschen, die ihren eigenen Kopf und ihr eigenes Herz haben. Die Granularität der Daten zeigt: wir müssen klug genug sein, um aufhören, Menschen in große, einfache Schubladen zu stecken und einen großen Aufkleber drauf zu pappen. Die Antimodernen, egal ob sie sich AfD oder Daesh nennen, wollen mit Gewalt diese Schubladen retten und jeden Menschen in die „passende“ Schublade stecken. Das dürfen wir nicht zulassen.

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Über Tobias Jakobi

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3 Antworten zu Die granulare Gesellschaft und die anti-moderne Reaktion

  1. Remy schreibt:

    Komme über ITB zu deinem Blog. Ich würde vielem zustimmen, ganz klar wird mir der Zusammenhang „antimoderner“ Erscheinungen mit der These der Granularität nicht. Begehst du nicht einen Denkfehler, indem du „analog“ wieder die alten Schubladen bedienst, die es dank feinkörniger Analyse- und Zugriffsmöglichkeit nicht mehr gibt? Dito im Falle des NS, die Schublade „antimoderne Bewegung“ klemmt doch erheblich. Nebenbei: NS hat deutlich modernisiert: Radio, TV, Massenmedien, Militärstrategie, Institutionen, Medizin durch Menschenversuche, technisierte Massentötung und schlimmeres.

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    • historytoby schreibt:

      Hm. Über den ersten Punkt muss ich mal genauer nachdenken, da ist, glaube ich, etwas dran. Wobei man dabei beachten muss, dass sich viele antimoderne Bewegungen eben als Gruppe definieren und ich diese Selbstbezeichnung nur aufnehme. Aber ja, kann gut sein, dass da meinerseits ein Denkfehler stattfindet.

      Zum zweiten Punkt: Ich stimme dir insoweit zu, als dass die Techniken des NS modern waren, da besteht keine Frage. Der NS war dennoch eine klar anti-moderne Bewegung, weil er mit diesen modernen Methoden antimoderne Ziele erreichen wollte. Also Führung eines militärisch innovativen, beweglichen Krieg mit neuen Waffen, um agrarischen Lebensraum für das imaginierte Volk aus Kleinbauern zu erobern. Oder hochmoderne biologische Forschung jenseits aller vorherigen Grenzen, um die angebliche natürliche Ordnung der Rassen zu beweisen. Oder penible Verwaltung und tayloristisch-fordistische Durchführung eines Genozids, mit dem ein angeblicher Urzustand wieder hergestellt werden sollte. Oder eine technisch fortschrittliche Progagandamaschine, welche eine imaginierte Volksgemeinschaft auf angeblicher uralter gemeinsamer Abstammung postulierte.

      Der NS war eine antimoderne Ideologie mit modernen Werkzeugen; mit abscheulicher Konsequenz wurden neueste Fähigkeiten aller Felder genutzt, um die perversen Ziele des Ideologiestaates zu erreichen.

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  2. Remy schreibt:

    OK, vielleicht ist das die Dualität der Moderne/ Dualität der Digitalisierung? In dem Maße in dem beide als gesellschaftlicher bzw. technischer Prozess Individualisierung (Moderne) und Granularität (Digitalisierung) ermöglichen, geben sie auch gleichzeitig die Möglichkeit, antimoderne/ antigranulare Ziele zu erreichen. NS dann (auch) Produkt einer durch Reformation/ Aufklärung/ Technik angetriebenen Moderne, IS (auch) Produkt massenmedial und per Social Media angetriebener digitalen Öffentlichkeiten?

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