25 Jahre Einheit

Ich wurde geboren, da gab es die DDR noch. Kurz vor meinem 2. Geburtstag war dann die DDR passé. Und jetzt twitterte mich das Haus der Geschichte in Bonn an und fragte

„Könnt ihr eigentl. noch was mit der Wiedervereinigung anfangen?“

Puh.

Meine Reaktion war ein großes JA! Und jetzt muss ich das mal erklären.

Natürlich habe ich keinerlei eigene Erinnerungen an die DDR, und ich habe das tatsächliche Staatsgebiet niemals besucht. Auch das, was mal DDR war, kenne ich kaum; ich habe lediglich einen Teil Ostberlins vor langer Zeit einmal gesehen, als ich mit 12 Jahren mit meiner Familie in Berlin Urlaub machte. Erinnern kann ich mich daran kaum, nur fand ich es wohl – so haben es mir meine Eltern letztens erzählt – lustig, in der S-Bahn Witze über „Ossis“ zu machen. Natürlich hatte ich damals keine reflektierte Vorstellung über Ostdeutschland, aber wenn man am Rand der Eifel, also des tiefen, katholisch geprägten Westens Deutschlands sozialisiert wird, bleiben halt anscheinend nur Vorurteile und Witze über die bananenlosen Tröpfe im Tal der Ahnungslosen hängen.

Die Wiedervereinigung ist etwas, das für mich ein klarer Teil der deutschen und europäischen Geschichte ist. In meiner Alltagserfahrung spielt es daher heute keine Rolle, dass einige meiner Freunde aus den neuen Bundesländern kommen. Viele von ihnen wurden ja bereits nominell in der BRD geboren, und haben viele mir gleiche Sozialisationserfahrungen gemacht. Das ist etwas, was mich z.B. von der Generation meiner Eltern radikal unterscheidet. Wer in den 1960ern geboren wurde, hat wahrscheinlich entweder die distinkt westdeutsche oder ostdeutsche Erfahrung gemacht. Da ist es wichtig, Wessi oder Ossi zu sein. Für mich ist es das in keiner Weise. Die alte BRD (1949-1989) ist für mich ein fast genauso fremdes Land wie die DDR.

Daher erscheinen mir, so vermute ich, viele Dinge merkwürdig, welche z.B. meine Eltern in ihrer historischen Entwicklung begleitet und internalisiert haben. Wenn ich eine alte Tagesschau aus den 1980ern sehe, dann empfinde ich die Darstellung des westdeutschen Staatsgebiets als ‚unvollständig‘ – für meine Eltern war das jahrzehntelang wahrgenommene Realität, und wahrscheinlich mussten die sich erst mal daran gewöhnen, dass in der Tagesschau Deutschland auf einmal größer war und es irgendwann auch immer seltener „Bonn“ und viel öfter „Berlin“ hieß.

Ich habe ja auch die Zeiten von Treuhand, „blühenden Landschaften“ und dann doch nicht blühenden Landschaften auch nicht mitbekommen. In der Rückschau mit historisierender Distanz ist es klar, dass die Umstrukturierung der Wirtschaft von Plan- auf Marktwirtschaft (mit ihrer Mischung aus neoliberalen, sozialen und ökologischen Aspekten) langwierig, teuer und voller struktureller und persönlicher Brüche sein musste.

Was mich lange störte und immer noch stört, ist der ‚ostalgische‘ Umgang mit der DDR-Geschichte. Ja, hihi, die waren alle nackt baden, hatten komische Produktnamen, und auf den Trabbi musste man lange warten. Und hihi, wie die alle aussahen und anstanden und ach, irgendwie war das ja alles ein großer Witz in der Rückschau. Mir kommen bei solchen medialen Darstellungen immer die diktatorischen Elemente zu kurz: Stasi, politisch motivierte Inhaftierungen, die Unmenschlichkeit (und nicht einfach die inconvenience der Mauer) und die FDJ. Wie eine Regierung es schaffte, wenige Jahre nach der Hitlerjugend wieder eine ideologische Jugendmassenorganisation zu gründen, ohne dass massenhaft der offensichtliche Vergleich gezogen wurde, ist mir ein absolutes Rätsel.

Was ich allerdings noch bedenklicher finde, ist die aktuelle, alltagspolitische Zweiteilung der Bundesrepublik. Aufbauend auf rechtsextremen Organisationsstrukturen der 1990er schafften es mehrere rechte Parteien in den 2000ern immer wieder, in ostdeutsche Parlamente auf allen Ebenen einzuziehen. Dieser Trend hat sich insofern stabilisiert, als dass die AfD letztes Jahr mit beachtlichen Margen über die 5%-Hürde in Brandenburg, Sachsen und Thüringen sprang. Die PEGIDA-Bewegung entstand in einem ostdeutschen Bundesland. Natürlich wird das Bild des ausländerfeindlichen Ossis auch teilweise von den Medien bedient, und auch viele westdeutsche Städte, Kreise und Länder haben massive Probleme mit Menschen rechter Gesinnung. Ich komme aber irgendwie dennoch nicht über das Gefühl hinweg, dass viele Menschen, die in der DDR und dann den neuen Bundesländern aufwuchsen und leben, politisch grundlegend anders sozialisiert sind als die Mehrheit der Westdeutschen. Ich habe den Eindruck, hier existiert noch eine der größten, wenn nicht die massivste Teilung, welche in 25 Jahren Einheit nicht überwunden wurde. Und ebendiese Unterschiede führen zu m.E. massiv unterschiedlichen Reaktionen auf z.B. die aktuell hohe Zahl an flüchtenden Menschen, und das beschäftigt mich sehr. Um es klar zu sagen: In Ostdeutschland hat man es mit Migrations- oder Fluchthintergrund im Durchschnitt garantiert schwerer als in Westdeutschland.

Und daher: Ja, ich kann etwas mit der Wiedervereinigung anfangen. Sie ist nämlich noch lange nicht vorbei, das haben uns die letzten Monate gezeigt. Und daher ist es natürlich wichtig, über diese Vergangenheit zu reden. Daraus müssen aber auch gesellschaftliche Diskussionen und Aktionen erwachsen, welche Schritte in die Zukunft genommen werden sollen. In 25 Jahren wird sich spätestens wieder erinnert werden, und ich bin gespannt, halbwegs optimistisch (und leider auch ein wenig besorgt), wie Deutschland dann innen aussehen wird.

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Über Tobias Jakobi

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