Offene Mail

Nachtrag vom 21.05.2015: Ich war wohl bei weitem nicht der einzige, der sich beim Westfalenblatt gemeldet hat Zunächst gab es am 20.05. folgende Stellungnahme des Redaktionsleiters Ulrich Windolph:

Sollte die Einschätzung der Diplom-Soziologin (*) Barbara Eggert Ihre Gefühle verletzt haben, so bedauern wir das außerordentlich. Wir bitten dafür ausdrücklich um Entschuldigung und versichern, dass uns nichts ferner lag als das. Wir haben Verständnis dafür, wenn beim Lesen insbesondere der kurzen Fassung der Kolumne »Guter Rat am Sonntag« der Verdacht der Homophobie entstehen konnte. Das WESTFALEN-BLATT weist aber zugleich den Vorwurf zurück, der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit das Wort reden zu wollen. 

Sehr selbstkritisch müssen wir einräumen, dass in der Kolumne so formuliert wird, dass der Text Kritik geradezu herausfordert. Das ist unzweifelhaft eine gravierende journalistische Fehlleistung, die die Redaktion in vollem Umfang zu verantworten hat. Wenn die Rede davon ist, dass die Kinder »verwirrt werden« könnten, dann fehlt zwingend die Erklärung, woraus dies resultieren könnte – nämlich nicht aus dem Besuch einer Hochzeit zweier Männer an sich, sondern dadurch, dass den beiden Töchtern des Ratsuchenden bisher jegliche Aufklärung über Homosexualität fehlt. 

Diese Entscheidung der Eltern ist sicher für sich genommen diskussionswürdig. Wir halten sie mit Blick auf das Alter der Töchter – die Mädchen sind acht und sechs Jahre alt – allerdings durchaus für legitim. Selbstredend kann das jeder Erziehungsverantwortliche für sich selbst und seine Schutzbefohlenen natürlich anders sehen und handhaben. Diese Eltern aber haben für sich so entschieden, und auf dieser Entscheidung wiederum fußt der Rat unserer Autorin.

Barbara Eggert erklärt persönlich: »Hier geht es nicht um meine Weltanschauung oder einen gesellschaftlichen Konflikt, sondern um ein ganz privates, nicht repräsentatives Problem eines verunsicherten Vaters. Ich habe ihm geschrieben, dass seine Kinder vielleicht nicht liberal genug erzogen wurden und ihm geraten, ein offenes Gespräch mit seinem Bruder zu suchen, um seinen Standpunkt zu erklären. Ich bin der Meinung, dass man alle Menschen ernst nehmen und respektieren muss, auch die, und gerade die, die anders denken als man selbst, alles andere würde mir intolerant erscheinen.«

Geradezu absurd ist vor diesem Hintergrund der Verdacht, das WESTFALEN-BLATT empfehle »Kinder von Homosexuellen fernzuhalten«. Dem widerspricht schon das geschilderte Ausgangsszenario seitens des Familienvaters, wonach seine beiden Töchter in gutem Kontakt zu ihrem Onkel stehen. Auch ging es im vorliegenden Fall um eine ganz konkrete Lebenssituation und nicht um eine generelle Handlungsempfehlung. Diese steht uns weder zu noch würden wir sie uns anmaßen.

Nach dieser doch eher apologetisch klingenden Stellungsnahme gab es einen Tag später dann eine 2., klare Ansage vom Redaktionsleiter:

Der Artikel der freien Autorin Barbara Eggert in der Sonntagszeitung »OWL am Sonntag« vom 17. Mai hätte so in keinem Fall erscheinen dürfen. Er war fälschlicherweise mit der Redaktionsleitung nicht abgestimmt, und die Unternehmensgruppe WESTFALEN-BLATT distanziert sich ausdrücklich von seinem Inhalt. Zugleich trägt die Redaktion die volle Verantwortung für diese sehr gravierende journalistische Fehlleistung. Wir bitten für diesen Fehler um Entschuldigung. Frau Eggert wird fortan nicht mehr für uns schreiben, wir werden ihre Kolumne beenden.

So sieht eine adäquate Reaktion auf einen homophoben Artikel aus. Im zweiten Versuch mit Auszeichnung bestanden, liebes Westfalenblatt.


(Originalblogartikel vom 18.05.2015)

In Reaktion auf diesen Artikel (Seite 5, Link zum pdf unter Artikel, via queer.de) habe ich die unten lesbare Mail an die Autorin geschrieben. Mal gespannt, ob was zurück kommt.


Sehr geehrte Frau Eggert,

mit Bestürzung habe ich ihren Ratschlag der Ausgabe vom 17. Mai gelesen. Die Kinder würden nicht ‚verwirrt‘ sein, wenn Bernhard und seine Frau sie nicht jahrelang im Dunklen gelassen, vielleicht sogar bzgl. des Wesens ihres Onkels und seines Freundes angelogen hätten.

Wenn die Eltern den Kindern sagen, dass ‚Ehe eine ernste Entscheidung zwischen Mann und Frau‘ ist, haben sie den Töchtern ein falsches Bild der Wahrheit gezeichnet. Es gibt nunmal auch Männer, die Männer lieben, und Frauen, die sich in Frauen verlieben.

Homosexualität ist eine natürliche und der Heterosexualität gleichwertige Form menschlichen Lebens und Liebens. Ich verstehe nicht, warum Sie das in Ihrem Artikel nicht deutlich machen.

Sie raten ja sogar Bernhard und seiner Frau, die Kinder willentlich fernzuhalten, nur weil es eine Hochzeit zwischen zwei Männern ist. Diese Argumentation ist homophob und moralisch m.E. nicht zu rechtfertigen.

Sowohl Ihr Hinweis auf ‚Sexualität‘ als auch Bernhards Hinweis auf ’sexuelle Orientierung‘ weisen darauf hin, dass hier Homosexuelle nur auf ihr sexuelles Verhalten reduziert und stereotypisiert werden. Dass zu einer Ehe viele andere Dinge – Vertrauen, Liebe, Geborgenheit, Verantwortung, Nähe, Freundschaft – gehören, blenden Sie dabei beide aus.

Ich bitte Sie, zeitnah diesen ‚guten Rat‘ (der keiner war) zu überdenken – zudem, weil der Artikel ausgerechnet am Internationalen Tag gegen Homophobie veröffentlicht wurde. Über eine Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mit freundlichen Grüßen,
Tobias Jakobi.
Trier.

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Über Tobias Jakobi

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