Robinson & Seligman: Talente, Elemente, Positive Psychologie

Der britische Bildungsforscher Ken Robinson hielt vor einigen Jahren eine bewegende Rede im Rahmen einer TED-Konferenz. Er plädierte darin – wie in seinem Buch The Element – dafür, dass sich im westlichen Bildungssystem eine Menge Dinge umfassend ändern müssen. Das Video ist, nicht nur wegen der witzigen Einwürfe und Robinsons trockener britischer Art, extrem sehenswert und hier zu finden. Die zentralen Probleme, die Robinson identifiziert, sind die folgenden:

  1. Das Bildungssystem basiert auf einer fachlich-disziplinären Hierarchie, welche Naturwissenschaften vor Geisteswissenschaften und diese wiederum vor die ‚feinen Künste‘ setzt.
  2. Das Bildungssystem basiert auf einer Philosophie der industriellen Revolution, welche Schüler/innen vorrangig nur mit Fähigkeiten ausstatten will, welche in einer technisch geprägten Wirtschaft wichtig sind.
  3. Es ist nicht möglich, beim Schuleintritt des Kindes eine verlässliche Prognose über die Welt zum Zeitpunkt des Schulabschlusses des Kindes zu treffen.
  4. Kinder haben eine natürlich angeborene Neugierde und Motivation zum Lernen, welche in der Schule durch vielfältige Prozesse (z.B. Notengebung) zerstört werden.
  5. Kinder lernen in der Schule hauptsächlich, Fehler zu vermeiden (bzw. Fehler vermeiden zu wollen), während Lehrer/innen oftmals darauf aus sind, ebendiese Fehler zu finden.
  6. Alle Menschen haben natürliche Affinitäten und Talente (ihr Element), welche jedoch im Schulsystem oftmals nicht wertgeschätzt oder beachtet werden.

Aufgrund dieser Probleme fordert Robinson unmissverständlich eine Revolution im Erziehungs- und Bildungssystem, welches den Schüler/innen ermöglicht

  1. ihre natürliche Neugierde und Motivation zu behalten.
  2. ihr Element zu kultivieren und zu entwickeln; wenn das Kind ein Talent für Tanz oder Musizieren hat, ist dies als gleichwertig mit einem Kind zu erachten, welches sich für Geschichte, Mathematik oder das Bauen von Baumhäusern interessiert.
  3. eine positive und selbstbestimmte Entwicklung zu durchleben, welche nicht an den Zwängen und Anforderungen der gegenwärtigen oder gar vergangenen industriell-technischen Wirtschaftsrealitäten orientiert ist.

Jetzt kommt natürlich der Punkt, wo viele Leute aufrufen und sagen: „Aber was soll das Kind denn später mal arbeiten? Wie soll es Geld verdienen?“.

Hier, finde ich, passt die Philosophie der Positiven Psychologie von Martin Seligman ins Spiel, die er in seinem Buch Flourish vorstellt. Das Buch habe ich in einem Seminar der Bildungswissenschaften an der Uni Trier bei Prof. Michaela Brohm ( — hier zu ihrem Blog —) besprochen; bei viel berechtigter Kritik, die an dem Buch in diesem Seminar geäußert wurde, so sind mir doch einige Anknüpfungspunkte an Robinsons Forderungen wichtig.

Eine zentrale Erkenntnis der Positiven Psychologie ist die, dass Menschen, die tun, was sie lieben, in einen Zustand des Flows verfallen; ein Zustand, in dem das Tun der zentrale Punkt der Aufmerksamkeit ist. Menschen, die ihr Element ausleben, merken nicht, wie die Zeit vergeht. Und noch wichtiger: Menschen, die ihr Element ausleben, sind glücklicher, stärker, gesünder und positiver gestimmt.  Schüler/innen, die in der Schule mehr ihren Neigungen nachgehen können, welche in ihrer Schulzeit Selbstwirksamkeit und positive Verstärkung ihres Selbst und ihrer Interessen erfahren, habe eine viel bessere Chance, zu glücklichen und gesunden Erwachsenen zu werden. Diese Menschen können ihr Leben meistern, finden Möglichkeiten und Chancen, wo andere nur graue Leere finden: Ein herrliches Beispiel aus Prof. Brohms Seminar drehte sich um zwei Probanden – einen selbsterklärten Optimisten und eine selbsterklärte Pessimistin. Beide wurden von einem Versuchsleiter gebeten, in ein nahe gelegenes Café zu gehen, dort einen Kaffee zu trinken und wieder zurück zu kommen. Die Pessimistin tat genau dies. Der Optimist fand auf dem Hinweg den vom Versuchsleiter auf dem Gehweg platzierten Geldschein (den die Pessimistin nicht sah) und kam im Café aus seiner guten Laune heraus mit einem Mann ins Gespräch, der ihm ein Bewerbungsgespräch in einem neuen Job anbot. Natürlich ist dieses Beispiel anecdotal evidence – aber: wer glücklich und kraftvoll durchs Leben geht, der findet seine Chancen, davon bin ich fest überzeugt.

Zudem: Inhaltlich können wir Schüler/innen kaum noch auf die sich rasant ändernde, globalisierte Welt vorbereiten. Wer hätte bitte Mitte der 1990er Jahre vorhersagen können, welche enormen Möglichkeiten und Veränderungen die Ende der 2000er eintretende Massenverbreitung von web-fähigen, touch-gesteuerten Smartphones allein im Bereich der App-Entwicklung bieten wird? Im Jahr meiner Einschulung wurde Windows 95 veröffentlicht, während meines letzten Schuljahres das iPhone. Während in den Schulen noch über den Sinn und Unsinn von Smartboards, schulweitem WLAN, BYOD-Klassen und mBooks gestritten wird, entwickelt vielleicht irgendwo ein zweiter Bill Gates, ein zweiter Steve Jobs, ein zweiter Mark Zuckerberg etwas radikal Neues, dass wir (und vor allem unsere Lehrpläne!) nicht sehen können.

Es geht dabei nicht nur um technische Innovationen: Alle Bereiche des Lebens, ob wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell, benötigen Kreativität und Kraft; Dinge, die Schüler/innen durch unsere Suche nach Fehlern oftmals genommen werden. Es muss in unserem Bildungssystem darum gehen, dass Schüler/innen nicht mehr inhaltlich, konzeptionell und methodisch nach hinten schauen.  Wir wissen, dass wir nicht wissen, wie die Zukunft aussieht. Die logische Konsequenz ist, die Lernenden mit dem geistigen und seelischen Werkzeug auszurüsten, damit diese sich ihre eigenen Wege bauen können. Neugierde, Kreativität und Lust am Wissen, Tun, Denken müssen – dafür plädiert auch Robinson – als die wahrscheinlich wichtigste menschliche Ressource genutzt werden.

Die formelle Bildung, wie wir sie kennen, muss verändert werden. Viele Schüler/innen scheitern oder zerbrechen an diesem System, oder passen sich ihm bis zur Aufgabe ihrer Persönlichkeit an. Es muss sich etwas daran ändern, dass Schüler/innen einen festen Stundenplan, ein Jahrescurriculum, eine feste, altershomogene Klasse haben – denn dies impliziert, dass alle 12-jährigen im gleichen Tempo den gleichen Stoff lernen wollen, müssen und/oder können. Entwicklungspsychologisch und neurodidaktisch gesehen sind wir viel weiter. Wir brauchen eine breite, flächendeckende, innovative Umstrukturierung des Bildungssystem, welche den Schüler/innen Raum, Zeit und Möglichkeit zur pädagogisch unterstützten Entwicklung entlang ihrer Talente, mit der Kraft ihrer Neugierde und ihrer intrinsischen Motivation bietet.

Wie genau das aussehen soll, weiß ich auch nicht genau. Und mir ist es auch wichtig, dass sich Änderungen und Ideen nicht nur auf philosophische und pädagogische Konzepte stützen, sondern dass empirische Evaluationen zentrale Elemente dieser Revolution des Bildungssystems sein müssen. Wie Ken Robinson in seiner Rede berichtet, muss ein Mädchen, das im Unterricht permanent mit dem Stuhl wackelt, nicht unaufmerksam oder gar der medikamentösen Behandlung bedürftig sein. Sie ist vielleicht eine geborene Tänzerin, die in der richtigen Umgebung zu einer glücklichen, großartigen und anerkannten Künstlerin heranwächst. Und dass so etwas erkannt wird, muss Aufgabe und Ziel des Bildungssystems sein.

Advertisements

Über Tobias Jakobi

youtube.com/user/historytoby
Dieser Beitrag wurde unter SocialEduMedia abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s