Fernsehen ist kaputtes Streaming, und Streaming ist kaputtes YouTube

Ich bin mir bei einem ziemlich sicher. In einigen Jahren, maximal 1 Jahrzehnt, wird ein weit verbreitete Frage sein: „Wieso haben sich die Leute so lange von anderen vorschreiben lassen, was auf ihrem Fernsehen läuft?“

Ebendieser Gedanke scheint sich z.Zt. immer mehr durchzusetzen: Der Video-On-Demand (VoD)-Umsatz stieg von 78 Mio. € im Jahr 2011 auf 124 Mio. € 2012 (Quelle, vgl. S. 5). Letztes Jahr gewann der Dienst Watchever pro Tag zwischen 2000 und 4000 Nutzer/innen (Quelle). Bei Amazon ist das Video-Streamen jetzt schon ungefragt beim Prime-Versand mit dabei.

Der Grund ist m.E. einfach. Zeitsouveränes Konsumieren von Serien und Filmen ist in einer Gesellschaft von individuelleren und individualisierten Tagesabläufen einfach bequemer als das starre Fernsehprogramm. Warum sollte ich mich nach dem TV richten – mein PC, mein Smartphone, mein Tablet, mein Laptop verlangen das nicht. Die machen doch auch was ich will, wann ich es will, und nicht anders herum[*] Keinen anderen Grund gab es für die Existenz von Videorekordern, DVD-Rekordern, TiVo etc. Immer seltener werden die Fälle, in denen ein abendliches ‚TV-Erlebnis‘ die morgendlichen Gespräche prägen. Natürlich gibt es immer noch solche Ereignisse wie das Herrenfußball-WM-Finale, die letzten Folgen von erfolgreichen Serien wie etwa „Breaking Bad“, und mindestens noch einmal „Wetten, dass…?“ Aber die x-ten Reruns von SitComs auf Pro7 oder die Dokus auf ARD und ZDF kann ich auch in Mediatheken oder Streamingportalen anschauen. Und da schalte ich nicht ein, wenn die Werbung anfängt. Nein, die Sendung wartet auf mich.

Also – Fernsehen ist kaputtes Streaming.

Wenn ich AmazonPrime (als Beispiel für ein Streaming-Portal) öffne, wird mir die Amazon-eigene Serie „Alpha House“, der 2te Teil von „Breaking Dawn“ und die vierte Staffel von „Teen Wolf“ (noch nie was davon gehört) empfohlen. Das will ich alles aber gar nicht schauen. Dass ich Amazon PrimeInstantVideo (APIV) überhaupt freigeschaltet habe, war nur ein Nebeneffekt meiner als Student zunächst kostenlosen, nun nur noch kostenreduzierten Nutzung des Prime-Versands. Ich nutze gerne ein Teil des APIV-Angebots (etwa die Originalversion von“Breaking Bad“), aber einen Großteil des Inhalts interessiert mich schlicht nicht. Ich bin mir auch sicher, dass es vielen Nutzer/innen von Watchever, Netflix, MaxDome und Co. ähnlich geht. Natürlich weiß ich, dass es bei diesem Angebot auch ums cherry-picking, also das Heraussuchen von eigenen Vorlieben aus einem großen Angebot geht, aber ‚gekauft‘ habe ich nun mal einen allgemeinen Zugang und bekomme neben tollem Zeug auch Blödsinn präsentiert. Im Supermarkt kaufe ich ja auch nur das, was ich will, und bezahle keinen Eintritt. Und Magazine oder Zeitungen, aus denen ich nur 10% der Artikel lese, kaufe ich auch irgendwann nicht mehr.

Zudem: Was ich auf den VoD-Portalen finde, hat alles mehr oder minder große Produktionsfirmen im Hintergrund. Im Prinzip wird hier, zumindest zu einem beträchtlichen Teil, auf Profit und nicht auf (nur) auf den qualitativen Inhalt des gesendeten Materials geachtet. Das ist jetzt erstmal als Beobachtung und nicht als Kritik zu verstehen; man sollte es nur eben im Hinterkopf haben. Da gefällt mir YouTube doch ein wenig besser. Auch da gibt es natürlich Tonnen von Quatsch, zusätzlich noch haufenweise Urheberrechtsverletzungen, massig Blödsinn, viele Corporate Channels mit Werbung, und… achja, dann gibt es da ein paar Perlen. Natürlich sind darunter auch solche Angebote wie TestTube, hinter dem der Discovery Channel steht. Und in den CrashCourse-Videos der vlogbrothers kommen auch immer mal wieder Anspielungen auf die Bücher von John Green und den Merchandise-Store dftba.com vor. Aber – und das ist zumindest mein Eindruck – viele EduTuber, wie etwa Brady Haran, CGP Grey, Derek Muller, auch die vlogbrothers, haben einen Anspruch an sich selbst: „Quality first, profit second“. Und das ist mir lieber als vieles, was auf VoD-Portalen zu finden ist. [**] Hier steht die Lust im Vordergrund, eigenen Content zu produzieren und der Welt zu zeigen, und prinzipiell kann jeder bei diesem ‚Video-Diskurs‘ mitmachen.

Also – Streaming ist kaputtes YouTube.

Natürlich können auch die EduTuber nicht allein von ihren Zugriffszahlen leben. Die Monetarisierung von Videos funktioniert bei diesen Modellen nicht so wunderbar, wie CGP Grey hier erklärt. Ein virales, einminütiges Katzenvideo, dass eine Produktionszeit von <5 min hat (Aufnahme, Upload, fertig) und Millionen Zuschauer findet, bringt dem Channel viel mehr Geld ein als ein über Wochen recherchiertes, produziertes, animiertes und korrigiertes Video, welches dann vielleicht 200.000 Zuschauer findet. Deswegen finde ich ja auch Subbable  so toll; hier bezahle ich für was ich will, und ich darf mir auch noch den Preis aussuchen. Und ich bin zuversichtlich, dass sich ein solches Modell durchsetzen kann und z.B. eine Möglichkeit wären, Kultureinrichtungen im Web präsent zu machen.

TL;DR

Das Fernsehen schreibt mir vor, was ich gucken soll, und auf Streaming-Portalen ist auch oft nur Müll. Wenn ich schon bezahle, dann für Qualität auf YouTube.

___

[*] Zumindest theoretisch. Wenn man sein Nexus7 lollipoppt (d.h., das neue Betriebssystem Android 5 Lollipop installiert), dann richtet sich das Tablet nur noch selten nach dem Benutzer.

[**] Einen Vergleich zwischen den öffentlich-rechtlichen Dokus (z.B. ZDF History oder TerraX) und den EduChannels lasse ich mal noch bewusst außen vor. Das muss ich mir mal noch genauer durch den Kopf gehen lassen.

Advertisements

Über Tobias Jakobi

youtube.com/user/historytoby
Dieser Beitrag wurde unter SocialEduMedia abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s