Gewalt ausüben, Gewalt verhindern, Gewalt erfahren – Missionare in Deutsch-Ostafrika

Aus dem im Jahr 2000 erschienenen Sammelband „Mission und Gewalt: Der Umgang christlicher Missionen mit Gewalt und die Ausbreitung des Christentums in Afrika und Asien in der Zeit von 1792 bis 1918/19“ kommt der hier besprochene Artikel von Harald Sippel mit dem Titel „Mission und Gewalt in Deutsch-Ostafrika: Das Verhältnis zwischen Mission und Kolonialverwaltung“. Sippel stellt darin zunächst einmal dar, welch ein Gewirr an Akteursgruppen die koloniale Situation prägte und wer mit wem um politische Gewalt (Macht, potestas) rang und dabei auch tatsächliche Gewalt (violence) erlitt oder ausübte. Die Missionsgesellschaften spielten dabei insofern eine Rolle, dass sie staatliche Gewaltvorrechte ausübten, wenn die tatsächliche Kolonialverwaltung noch nicht stark genug war – d.h., in den Missionsdörfern und auf den Stationen waren die Missionare Polizei oftmals auch Richter. Auch administrative Aufgaben, Einrichtung von karitativen und bildenden Institutionen blieb oftmals den Missionsgemeinschaften vorenthalten. Dabei übten die Missionare natürlich auch drängende und teilweise wohl auch körperliche Gewalt auf die autochthone Gesellschaft aus – wurden dafür, so Sippel, aufgrund ihrer transnationalen Verflechtung (Vatikan bei den Katholiken, andere nicht-deutsche protestantische Gemeinschaften auf der ‚anderen‘ Seite), selten dafür rechtlich belangt. Bei einem Bevölkerungsanteil von 13% unter den anwesenden Europäer/innen gab es in ganz DOA nur 10 Rechtsfälle, in denen missionierendes Personal wegen Gewalt belangt wurde!

Darüber hinaus übten die Missionare auch über die ‚Zivilisierungsmission‘ drängende, psychische Gewalt über die indigene Bevölkerung aus, wenn sie deren Kultur verdrängten, marginalisierten und ersetzen wollten. Andererseits wehrten sich die Missionare oftmals gegen die gewaltsame Ausnutzung von Indigenen zur Plantagenarbeit, allerdings vor dem Hintergrund, dass eine Erziehung zum arbeitenden Christen die Menschen sowieso veranlassen würde, einer ‚ehrlichen Arbeit‘ nachzugehen.

Wie so oft ist das Urteil, dass über die Missionen zu fällen ist, ambivalent. Auch wenn viele Missionare es aus ihrer tiefsten Überzeugung heraus gut gemeint haben, was sie taten – das Eindringen in fremde Räume zur ‚Rettung‘ von tausenden Menschen, die ‚Hebung‘ der autochthonen Bevölkerung auf einen ‚höheren‘ Stand, die selbstaufopfernde Arbeit zur ‚Erziehung‘ der Indigenen zur Arbeit – all dies basierte auf der kulturalistischen Argumentation der ‚objektiven Hochwertigkeit‘ des europäisch-christlichen Gesellschaftsbildes.

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Über Tobias Jakobi

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