Die Nuancen von Männlichkeit im Kontext katholischer Missionsarbeit

­­Die nächste Monographie auf meiner sich nun doch dem Ende zuneigenden Liste ist eine Dissertation aus dem Jahr 2007, geschrieben an der Uni Trier (yeah, home pride 😛 ) und ist in ihrer gesamten Länge frei und online verfügbar. Der Autor, Michael Weidert, schreibt darin über Konstruktion von Geschlecht und Ethnizität in Deutsch-Ostafrika durch die katholischen Missionierenden. Einerseits ist die Dissertation in ihrer Gänze bestimmt total spannend; gelesen habe ich aber nur die Einleitung, die Ergebnispräsentation und das Fazit, welche allerdings unfraglich sehr angenehm und flüssig zu lesen sind. Weidert betrachtet die katholischen Missionen aus einem kombinierten ‚Gender/ Postcolonial/ New Culture Studies‘ Blickwinkel und versucht, aus den Quellen der missionierenden Akteure Rückschlüsse auf deren Wissen und Werte zur intersektionalen Verbindung von Geschlecht (v.a. Männlichkeit) und Ethnizität zu ziehen.

Seine wichtigsten Hauptergebnisse sind, dass die missionarische Männlichkeit durch viele hierarchische Nuancen differenziert wurde und vielfältige Beziehungen zwischen den konstruierten Gruppen zu finden sind. Eine Gruppe – die wichtigste – waren die europäischen Missionspriester. Sie waren der Fokalpunkt der gesamten katholischen Idee in der Peripherie, wurden sowohl auf handwerklich-praktischer, auf theologischer und auf wissenschaftlicher Ebene als umfassend gebildet und befähigt verstanden. Ihnen ‚unterstanden‘ die Missionsbrüder, deren Lebensaufgabe darin bestand, den Priestern die Ausübung ihrer Tätigkeit zu ermöglichen und zu schützen. Hier also sind zwei unterschiedliche, komplementäre Männlichkeitsbilder zu identifizieren: Die Autoritäten und die Gehilfen. Daneben standen die europäischen Missionsschwestern, welche das Komplementär bildeten: sie waren Trägerinnen der sanften Kultur und des Haushaltswesens, übernahmen karitative Aufgaben und erfüllten somit ihre katholische Idealrolle.  Somit lässt sich hier ein Wissenstransfer eurozentrisch-katholischer Gesellschaftsbilder in die koloniale Wirklichkeit erkennen.

Nun identifiziert Weidert noch weitere Männlichkeitsbilder. Einerseits existieren die nicht-christlichen, indigenen Männlichkeiten, welche die absolute Negativfolie und somit das ‚Andere‘ für die Europäer bildeten; hier das ‚sinnliche Naturvolk‘, dort die asketische, sozialmoralische Instanz, hier der im Zölibat lebende, saubere, weiße und höfliche Katholik, dort der promiskuitive, schmutzig-dunkle, faule ‚Ureinwohner‘. Von beiden unterschied sich zumindest in einem geringen Maße der hybride, indigene Christ als Komplize (Katechet oder Hilfspriester), der jedoch weder auf spiritueller noch auf ethnischer Ebene dem europäischen Mann gleich werden konnte. Weidert stellt auch fest, dass die von den katholischen Missionaren geformten Gruppenbilder recht starr und stark sind und führt dies auf die hierarchische Grundstruktur der katholischen Kirche und ihres familiären Leitbilds zurück und verbindet es mit der subkulturellen Selbstwahrnehmung der deutschen Katholiken kurz nach dem Kulturkampf.

Ich kann jedem, der an diesem Thema interessiert ist, diese Dissertation nur aufs Wärmste empfehlen. Ich selbst fand es dann auch noch spannend, in der Textsuche einmal den Vornamen meines Großonkels einzugeben. Aus dessen Todeszettel habe ich vor einigen Jahren erfahren, dass er u.a. Missionar in DOA war. Schlucken musste ich, als ich einer Fußnote (Nr. 757 von 1428) einen Artikel meines Großonkels mit dem Titel „Ist der Neger dem Araber feind?“ fand. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass in diesem Blog noch so einiges zu ihm landen wird.

Advertisements

Über Tobias Jakobi

youtube.com/user/historytoby
Dieser Beitrag wurde unter Staatsexamen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s