Zwischen Glaube und Pragmatik

Da meine Prüfung bereits nächste Woche ist, wird es Zeit, endlich die Monographien in Angriff zu nehmen. Als erstes kommt eines der Standardwerke der deutschen Kolonial- und Missiongeschichte: Horst Gründers (ehem. Uni Münster) Habilitation „Christliche Mission und deutscher Imperialismus“ – mit dem Mammut-Untertitel „Eine politische Geschichte ihrer Beziehungen während der deutschen Kolonialzeit (1884-1914) unter besonderer Berücksichtigung Afrikas und Chinas“, erschienen 1982 im Schöningh-Verlag in Paderborn.
Gründer, dessen Einführung in die deutsche Kolonialgeschichte auch sehr empfehlenswert ist, scheint nach der (Teil)-Lektüre des 444 Seiten langen Werk viele Themen identifiziert zu haben, mit denen sich auch heute noch Forscher/innen zu Mission und Kolonialismus beschäftigen. Zu Beginn der 1980er aber, so zumindest Gründer, war die Mission eine Art blinder Fleck der Imperialismus- und Kolonialforschung. Man betrachtete die Missionare oftmals als Erfüllungsgehilfen der staatlichen und (nach marxistischer Ansicht) wirtschaftlichen Akteure. Gründer griff die damalige Sicht an und sucht nach Verflechtungen von Missionaren, Wirtschaft und Kolonialverwaltung in Metropole und Periphere – er hebt die Missionare somit in den Stand einer eigenen, unabhängigen Akteursgruppe.
Zentral ist für ihn dabei die Verbindung von globalen und nationalistischen Idealen in der Mission: Auch wenn protestantische und katholische Missionsgemeinschaften vom Eigenanspruch her allumfassend galten, so waren im deutschen Kaiserreich beide Konfessionen darauf erpicht, als national-patriotisch zu gelten. Verstärkt galt dies natürlich für die Katholiken, die sich nach dem Kulturkampf erst recht nicht mehr als potentielle Feinde des Reichsgedanken sehen lassen wollten. So kooperierten protestantische und katholische Missionsgemeinschaften in der Metropole mit der Staatsmacht durch die Organisation in konfessionelle Missionskonferenzen; hier entwickelte sich die Grundidee einer organisationalen Zusammenarbeit zwischen Missionsgemeinschaften und staatlichen Kolonisatoren in der Peripherie. ‚Daheim‘ wurde die Mission neben den Konferenzen auch in anderen Punkten institutionalisiert: Akademische Lehrstühle mit Fokus auf Missionsarbeit wurden an staatlichen Hochschulen etabliert, Missionsstationen waren Teil der Handelsketten zwischen den Kolonien und dem Reich, es erschienen regelmäßig Zeitschriften, Berichte, Lehr-, Unterhaltungs-, Kinder- und Bilderbücher mit missionarischen Themen, Missionierende, ihre Waren und Post wurden auf den Wegen zwischen ‚Kolonie und Heimat‘ subventioniert und hatten enge Kontakte zu führenden Kolonialpolitikern auf Reichsebene. In den Kolonien selbst wurden Missionare schnell ein Teil des kolonialen Justizsystems – galten sie doch als eng mit der indigenen Bevölkerung, welche die lokale Rechtskultur besser kannten und somit ‚gerecht‘ richten konnten; natürlich wurden somit dennoch die Rechtsauffassungen der lokalen Bevölkerung verletzt und es entstand Konfliktpotential. Die Kolonialverwaltung baute also auf den von den Missionaren bereits im Voraus geformten Strukturen auf und überformte sie zur eigenen Organisation – in diesem Regime konnten dann auch Missionare oft auf die militärische ‚Unterstützung‘ der ‚Schutztruppen‘ zählen.
Es gab aber auch, bei allen zuvor genannten Feldern der Kooperation, auch Streitthemen. Während die Kolonialverwaltung aus praktischen Gründen die Verbreitung zumindest eines grundlegenden Wissens der deutschen Sprache favorisierte, wollten v.a. die protestantischen Missionare aus theologischen Gründen eine lokale Verkehrssprache etablieren. Hier gab es lange Spannungen zwischen den beiden Akteursgruppen. Als allerdings den staatlichen Stellen klar wurde, dass eine großflächig verbreitete Einheitssprache (egal ob Deutsch oder eine andere Sprache) zur Bildung von ‚Widerstandsbewegungen‘ führen konnte; somit wurde nun eher die kleinteilige Förderung von lokalen Sprachen betrieben. Anders war es im Umgang mit dem Islam, v.a. in Deutsch-Ostafrika. Für die christlichen Missionare war der Islam als monotheistisch-eschatologische Buchreligion ein Todfeind, für die koloniale Verwaltung waren lokale islamische Machthaber Kooperationspartner bei der Einrichtung und Verfestigung eigener Strukturen. Zudem unterschieden sich die Ansichten über Umfang und Notwendigkeit der ‚Arbeitserziehung‘ der indigenen Bevölkerung. Die Missionare hatten – wie bereits in vorherigen Zusammenfassungen betont – einen paternalistisch-quasihumanistischen Ansatz, nach denen eine strenge, aber wohlmeinende Erziehung zum westeuropäischen Arbeitsstil (ora et labora) mit der seelischen ‚Hebung‘ – vereinfacht gesagt, Bildung und Glaube – einhergehen sollte. Die Kolonisatoren war der zweite Aspekt weniger bis gar nicht wichtig, und extrem rassistisch-völkische Zeitgenossen waren gar der Ansicht, dass es unmöglich sei, die indigene Bevölkerung irgendetwas anderes als stumpfe Arbeitsprozesse zu lehren und diese gewaltsam abzurufen. Kritik an den Missionen kam auch aus der akademischen Ethnologie – diese fürchtete, dass die von ihnen zu untersuchenden ‚Naturvölker‘ durch die ‚Zivilisierungsarbeit‘ verschwinden würden und ihr Fach obsolet werden würde. Fundierte Kritik an der Kooperation zwischen Reich und Mission kam vor allem aus dem sozialistischen und kommunistischen Lager; Unterstützung fand die Missionsarbeit vor allem im Kleinbürgertum, da die Arbeit in den Kolonien – auch in der Mission – sozialen Aufstieg ermöglichen konnte. So fand zum 25-jährigen Kaiserjubiläum für Wilhem II. eine große Spendenaktion statt, in welchem der Großteil der Spenden für die Mission aus Kleinbürgertum und mittelständischem Handwerk kam.
Gründer vertritt die These, dass die Mission eine integrale, unabhängig entscheidende und freiwillig in Kooperation arbeitende Agentin im imperialistisch-kolonialen Gefüge war. Vor allem einige protestantische Gesellschaften sahen im Ausgreifen des europäischen Christentums auf Afrika einen weiteren Schritt zur Bekehrung der ganzen Welt in Vorbereitung auf das kommende göttliche Königreich – sie begründeten eschatologisch und teleologisch die gewaltsame Eroberung, Festigung und Ausweitung kolonialen Besitzes. Theologische Vorbehalte gegenüber Gewalt wurden angesichts der vorhandenen kolonialen Situation oft pragmatisch ignoriert und die Inferiorität anderer Religionen und Kulturen axiomatisch postuliert. Zwar sahen die Missionare die indigene Bevölkerung oft als minderwertig an, kopierten teilweise sogar die existenten rassistischen und sozialdarwinistischen Diskurse, waren aber andererseits von der ‚Formbarkeit‘ der Menschen überzeugt und entwickelten sich daher zum grundlegenden und umfassenden Bereitsteller von Bildung und Erziehung. Ebendiese Bildung, so Gründer, ermöglichte es den afrikanischen Gesellschaften nach der gewaltsamen Zerschlagung ihrer traditionellen Strukturen, in die ‚Moderne‘ einzutreten und sich unter der Bedienung westlich-christlich-demokratischer Diskurse im Laufe der Zeit von der Kolonialherrschaft zu lösen und zu emanzipieren. Im Angriff der Mission auf Kultur und Lebenswelt steckte durch die Auflösung alter System schon der Kern der Zerstörung des neuen Systems.

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Über Tobias Jakobi

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