Bordieu und die „Kontrollinstanz der Metropole“

Im Sammelband „Kolonialgeschichte“, editiert von Prof. Dr. Claudia Kraft (Uni Siegen), Prof. Dr. Alf Lüdtke und Prof. Dr. Jürgen Martschkat (beide Uni Erfurt) und 2010 im Campus Verlag in Frankfurt a.M. veröffentlicht, enthält unter der Kategorie „Europäische Kolonialdiskurse und -praktiken“ einen Aufsatz von Thoralf Klein, seines Zeichen Senior Lecturer in History an der Loughborough University mitten in England. Klein stellt sich in seinem Beitrag der Aufgabe, Missionsgemeinschaften nicht im Verhältnis zum allgemeinen Kolonialismus zu erzählen, sondern auch die religiöse Mission als kolonialistisches Unterfangen darzustellen. Er definiert das Verhältnis von Mission und Kolonialismus somit als „Wahlverwandschaft“ zweier getrennter Phänomene mit parallelen Strukturen.

Klein skizziert auch kurz die Geschichte der Historiographie von Mission und Missionsgesellschaften. Die radikal missionskritische Geschichtsschreibung beginnt mit Frantz Fanon, welcher die Missionsgemeinschaften als „kulturelles Instrument des Imperialismus“ bezeichnete. Die missionskritische Geschichtsschreibung nahm den in der Tradition der Missionare stehende Historiker/innen das Heft aus der Hand, was laut Klein auch später zu einer revisionistischen Strömung führte, welche die ihrer Ansicht nach positiven Seiten der Mission (Abolition, Schutz der indigenen Bevölkerung seitens der Missionare) hervorhoben. Darunter fällt auch Stanley, The Bible and the Flag, welches ich auch noch auf meiner „Zu-Lesen“-Liste habe.

Für Klein besitzt die Mission koloniale Strukturen, da sie ähnlich den anderen Kolonialisierenden auf das Prinzip der Mimikry  von Homi K. Bhabha setzt. Das bedeutet, dass die Kolonialisierten in einem Prozess der Anpassung und Angepasst-Werden den Kolonisatoren immer ähnlicher werden, aber niemals einen Zustand erreichen, wo sie ihnen gleich sind. Besonders die in ihren Gesellschaften marginalisierten Menschen, welche Handlungsalternativen vermissen, bietet die Mission die Möglichkeit, durch Konversion soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital (cf. Bordieu) zu erlangen. Die durch die Konversion als Spannungsfaktor wahrgenommene Bevölkerungsminderheit ist nun auch von den Missionaren als lokalen Machthabern und „Kontrollinstanzen der Metropole“ (146) abhängig und passt sich den hierarchischen Strukturen der Mission an. Diese soziokulturelle Struktur basiert, so Klein, auf der idealisierten Gesellschaftsstruktur, welche ein kleinbürgerlich-bäuerliches, christliches Europa als non plus ultra darstellt. An der Spitze dieser Hierarchie standen die europäischen Missionare, rassistisch begründet darunter die afrikanischen Missionare, Prediger und ‚Gehilfen‘, darunter die nicht in die engere Struktur eingebundenen Konvertiten und darunter wiederum die nicht-konvertierte Bevölkerung.

Worin sich die Missionare von den anderen Kolonisierenden (Siedler, Händler, Plantagenbesitzer, Kolonialverwaltung) laut Klein unterschieden, war erstens die Tatsache, dass man den Konvertierten nicht zutraute, bei der Abwesenheit der Europäer/innen den Zustand der Mimikry beizubehalten. Strebte etwa die Kolonialverwaltung langfristig eine Art Autonomie der Kolonien an, so erwartete man im Gegensatz dazu eine permanente, leitende Präsenz europäischer Missionare. Zudem waren die Missionare am stärksten von ihrer Zivilisierungsmission überzeugt und standen nicht in einem Spannungsverhältnis von pragmatischer Ausbeutung und ‚Erziehung‘ der indigenen Bevölkerung. Drittens und letztens verfügten die Missionare nicht über die militärisch-gewaltsamen Mittel der Kolonialverwaltung und mussten den Anpassungsdruck auf sozial-kulturellem Wege schaffen.

Kleins Text hat mir viele neue Gedankenstränge eröffnet, und auch das Ausschlachten seiner Bibliographie wird mir bestimmt noch nutzen. Ich merke in zunehmenden Maße, wie vertrackt und vielfältig die Wertungen der Missionare in der Geschichte des Kolonialismus sind, aber auch, dass sich viele Themen immer wieder heraus kristallisieren. Die Missionare waren ohne Zweifel eine wichtige Komponente der europäischen Kolonalisierungsvorgänge in Afrika, welche die Menschen auf einer anderen, viel persönlicheren und individuelleren Ebene angingen. Irgendwo scheint es auf den ersten Blick humanitärer, die Menschen nicht (nur) ausbeuten, sondern auch spirituell ‚retten‘ zu wollen. Dahinter steckt aber natürlich die unglaublich arrogante Grundhaltung, dass das Christentum, wie es in (West)-Europa praktiziert wurde, das Telos der Menschheit sei. Hier finde ich eine überraschende Schnittstelle zu meiner Arbeit in der Queer History – denn auch heute noch werden oft genug  etw Vorurteile gegen Homosexuelle mit religiösen Argumenten legitimiert, die sich bei genauerem Hinschauen schnell als Blödsinn herausstellen.

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Über Tobias Jakobi

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