Bibel und Fibel, Seife und Monogamie

Es liegt schwer in der Hand, das 1568 Seiten dicke Buch „Die Verwandlung der Welt“ von Jürgen Osterhammel, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Konstanz. Zum Glück hat die bpb es 2010 in einer Lizenzausgabe der Schriftenreihe für  studentengeldbeutelfreundliche 7 Euro aufgelegt, so dass ich mir diesen Wälzer selbst ins Regal stellen konnte und es nicht von der UB Trier nach Hause und wieder zurück verfrachten musste.

So schwer es auch in der Hand liegt, so leicht lässt es sich dann auch lesen. Da Osterhammel hier in den drei Abschnitten „Annäherungen“, „Panoramen“ und „Themen“ das lange 19. Jahrhundert in 18 Kapiteln mit teilweise ganz großen, globalen Pinselstrichen darstellt, fällt das Buch bei mir auch ganz gerne mal auf den Stapel „Genusslesen“ und nicht immer auf „Musslesen“.

Natürlich steht auch in den beiden Kapiteln „Zivilisierung und Ausgrenzung“ sowie „Religion“ mehr drin, als in dieser Zusammenfassung zu lesen ist. Da ich allerdings die Lektüre jetzt mehr als Ergänzung statt als Recherche sehe, verzichte ich auf das Exzerpieren redundanter Informationen, versuche aber trotzdem, unterschiedliche Wertungen in den Darstellungen zu erfassen. So stellt Osterhammel die Ideologie der Zivilisierungsmission einerseits als eine lange, die Menschheitsgeschichte begleitende Tradition dar, sieht sie aber als ein prägendes Element der 19. Geschichte. Diese Prägung kam durch den Wandel der europäischen Gedankenwelt: während die frühneuzeitliche Kolonialisierung zwar einen Ausbau europäischer Machteinflüsse bewirkte, so war erst ab dem Ende der Sattelzeit endgültig ein Diskurs vorhanden, welcher den europäischen Lebensstil als objektiv höchstwertigen Maßstab verstand. Diese Überzeugung dienten den Kolonisierenden als Rechtfertigungsgrundlage für ihre Taten, da sie aus ihrer Sicht den ‚Anderen‘ den Übergang zur bürgerlich-liberal-kapitalistisch-christlichen Welt erleichterten – das Telos der damaligen Gesellschaft. Mit dem Glauben an die Formbarkeit des Menschen durch neue pädagogische Erkenntnisse und einer aus damaligen Sicht humanitärer Mission, den Asiaten und Afrikanern die Partizipation am europäischen Lebensstil zu ermöglichen. Diese ‚Zivilisierungsversuche‘ – Osterhammel spricht von „Bibel und Fibel, Seife und Monogamie“ (S. 1179) als Werkzeuge – zur Einführung europäischer Strukturen; er gibt aber auch an, dass diese Strukturen auf vielen weiteren Wegen transportiert werden sollten, sei es durch die Einführung europäischer Rechtsideen, Marktmechanismen, durch religiös-kulturelle Missionierung und leider auch durch Gewalt, sei es Bevölkerungsverdrängung oder durch deren physischen Vernichtung. Letzteres wurde am Ende des 19. Jahrhunderts durch sozialdarwinistische Argumentationen um „dying races“ – Bevölkerungen, welche auch ohne direktes Eingreifen der Europäer aussterben würden – geprägt, da man das Verschwinden dieser ‚rassisch niederen Völker‘ auf kurz oder lang sowieso erwartete.

Osterhammel fährt damit fort, das Verhältnis zwischen Religionsgemeinschaften und Staaten im 19. Jahrhundert – besonders der protestantischen und katholischen Kirchen – zu verorten. Das 19. Jahrhundert war auf der einen Seite das Jahrhundert der Säkularisierung – zunächst des Übergangs von kirchlichem Land in Staatsbesitz, dann auch die Trennung der Ordnungstrukturen voneinander. Dies bedeutete aber weder, dass die Kirchen ihre innere Ordnungstrukturen auflösten noch dass die Religion für die große Masse der Bevölkerung massiv an Bedeutung verlor. Religiöses Denken war – auf einer anderen, individuelleren Ebene – immer noch Teil der menschlichen Lebenswelten.

Imperien, wie das britische, französische, deutsche oder portugiesische, hatten nun in ihren peripheren Machtbereichen Herrschaftsgewalt über Menschen, die sie als zu den „Naturreligionen“ zugehörig zählten – eine Konstruktion einer animistischen Weltreligion, um diese als ‚Anderes‘ zur Weltreligion Christentum positionieren zu können. Nun war es der Kolonialverwaltung der Metropole, so Osterhammel, nicht zwangsläufig daran gelegen, die Bevölkerung der Peripherie religiös zu missionieren – man befürchtete Konflikte. Als diese durch die Tätigkeit der Missionsgesellschaften (welche sich oftmals aus den Beiträgen der Gläubigen finanzierten) auch ausbrachen, baten diese die Kolonialherrschaft um militärische Hilfe.

Ich habe den Eindruck, dass ich allmählich einen relativ guten Überblick über die allgemeine Thematik habe. Vertiefend werde ich mich wahrscheinlich mit dem Verhältnis von Missionsgesellschaften und der Kolonialverwaltung beschäftigen und mich dabei auf die Themenkomplexe Gewalt und Geschlechterbeziehungen konzentrieren.

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Über Tobias Jakobi

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