Ein paar neue Aspekte

Nachdem ich ja schon einige grundlegende Darstellungen (hier, hier und hier) exzerpiert habe, nahm ich mir heute einen Band aus dem Oldenbourg Grundriss der Geschichte vor – um genauer zu sein, die dritten Auflage des 27. Bands von Leonhard Harding, eremitierter Professor am Institut für Afrikanistik und Ägyptologie an der Uni zu Köln. Wie in jedem anderen Band dieser hilfreichen Reihe findet sich im 2. Abschnitt eine Darstellung der Grundprobleme und Tendenzen der Forschung, welche ich primär in den Fokus nahm.

Harding bespricht darin zunächst die Forschungsdebatten zum Verhältnis der afrikanischen Religionen zu den monotheistischen Religionen Christentum und Islam. Diese stellten nach Hardings Darstellung für manche Forschende eine starke Herausforderung für die auf Ahnenglauben, Naturgöttern und lokale Spiritualität basierenden, afrikanischen Religionen dar. Die Frage ist dabei, wie die Reaktionen auf diese Herausforderungen zu bewerten sind. Vor allem die neuere Forschung konzentriert sich dabei auf synkretische und hybride Formen von Religion, welche Elemente der monotheistischen ‚Buchreligionen‘ mit den lokalen Traditionen vermischten. Zentral ist dabei die agency der indigenen Bevölkerung – inwiefern bestimmten sie in ihren entsprechenden Situationen diese Umwandlungen? Wie steuerten und beinflussten sie die Prozesse von Resilienz, kultureller Übersetzung, Adaption? Inwieweit war die religiöse Konversion eine Handlungsmöglichkeit von Mitgliedern marginalisierter Gruppen? Diese Fragen sind nach Aussage Hardings nur durch eine Ergänzung der bisher vorhandenen Studien ebendieser Prozesse auf Mikro- und Mesoebene zu beantworten.

Er ergänzt zuvor von mir bereits ‚Erlesenes‘ um zwei sehr interessante Aspekte. Erstens hebt er hervor, dass trotz aller Debatten um Kooperationen und vor allem Konfrontationen zwischen Missionare und Kolonialverwaltung beide Akteure stets von der eigenen kulturellen Überlegenheit paradigmatisch überzeugt. Dies ging bei den Missionaren soweit, dass sie den afrikanischen Raum als feindlich konstruierten und als positive Gegenentwurf ihre eigenen Missionsstationen darstellten. Zweitens kann man, so referiert Harding die Forschung, Missionare gar als ’schlimmer‘ für die indigenen Gesellschaften bezeichnen. Während Siedler, Händler, Farmer und die Kolonialverwaltung ‚lediglich‘ die wirtschaftliche Ausnutzung und politische Verwaltbarkeit der Bevölkerung anstrebten, griffen die Missionare die grundlegende Denk- und Wertesysteme der Gesellschaften an und richteten mit ihrer ‚zivilisatorischen Mission‘, der ideologischen Basis des Kulturimperialismus, womöglich den größten Schaden, wahrscheinlich zumindest die größte Umformung der Sozialstrukturen an.

Was natürlich in einem OGG-Band immer von Vorteil ist, ist die Bereitstellung einer zugleich umfangreichen als auch relevanten Bibliographie, die mir auch in diesem Fall thematisch weiter geholfen hat.

 

 

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Über Tobias Jakobi

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