Gut gemeint ist nicht gut gemacht: Horst Gründer zur Mission in Deutsch-Ostafrika

Der Historiker Horst Gründer, früher Professor für Neuere, Neuste und Außereuropäische Geschichte an der Uni Münster, veröffentlichte 1984 eine Geschichte der deutschen Kolonien, welche 2011 im Schöningh-Verlag in der sechsten Auflage als UTB-Band erschien.

Gründer hat einige Monographien zum Thema des Zusammenhangs von Missionierung und Kolonialismus veröffentlicht, etwa Christliche Mission und deutscher Imperialismus (1981) und Welteroberung und Christentum (1992). Von daher ist es verständlich, dass Gründer immer wieder kleine, informative Abschnitte zum Thema Mission einstreut. Was Gründer in seinem Text hervorhebt, deckt sich oft auch mit der Darstellung bei Marx  und Speitkamp; er hebt aber mehr die Rolle der Zentrumspartei bzw. des politischen Katholizismus allgemein hervor. Diese politischen Akteure, so Gründer, sollten nach dem Kulturkampf auch in die deutsche Kolonalpolitik integriert werden. Die katholischen Missionare hoben auch die religiös-kulturell-‚zivilisatorischen‘ Aspekte ihrer Arbeit hervor und verbanden dies mit den abolitionistischen Diskursen. Somit war die Zentrumspartei dem Kolonialismus im Allgemeinen positiv gegenüber eingestellt, da man sich als humanitärer Akteur verstand.

Im und nach dem Maji-Maji-Aufstand im damaligen Deutsch-Ostafrika zeigten sich die höchst ambivalente Verhältnisse zwischen den verschiedenen indigenen Gruppen, den Missionarsgesellschaften, der Kolonialverwaltung, den Siedlern, Händlern und Plantagenbetreibern. Die Benediktiner/innen in DOA verglichen den Aufstand gegenüber der Kolonialverwaltung mit Arminius/Hermann oder den Widerstandskriegen gegen Napoleon und widersprachen somit der vorherrschenden Deutung einer religiös-geheimbündlerischen Verschwörung. Dieses Narrativ ist, so Gründer, bis heute der prägende Diskurs zu Nation und Nationalität in Tansania. Die Benediktiner verstanden allerdings auch nicht, dass sie mit ihrer ‚humanitären Missionstäigkeit‘, welche die biblisch begründeten Pflichten zur Arbeit und Gehorsam vor der Obrigkeit vertraten, einen „Frontalangriff auf (…) die Sozialstruktur“ (S. 183) der indigenen Bevölkerung vollführten. Andererseits versuchten die Benediktinier/innen auch, während und nach der genozidal anmutenden Niederschlagung des Aufstandes die Bevölkerung vor Angriffen und Zwangsarbeit auf den Plantagen zu schützen. Dies führte natürlich zu Konflikten mit der Kolonialverwaltung, Händlern, Siedlern und Plantagenbesitzern – auch und vielleicht gerade weil die Missionare ihre ‚Schützlinge‘ als ‚Kinder‘ sahen, welche auf den Stand von europäischen ‚Erwachsenen‘ gehoben werden sollten. Die Niederschlagung des Aufstandes sollte sich auch aus einem anderen Grund als Bruch in der ostafrikanischen Geschichte erweisen: viele jüngere Menschen besuchten ab 1907 die zahlreichen katholischen und protestantischen Missionsschulen, was auch zur Etablierung von Kiswahili als lokale Verkehrssprache führte.

Die Lektüre von Gründers Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck – nicht wegen Gründers Schreibstil, sondern wegen des dargestellten Inhalts. Die paternalistisch begründete, aus eigener Sicht humanitäre Politik der Missionsgesellschaften begründete sich aus der westlich-christlichen Theologie der Missionare und wurde als ‚Eingeborenenschutz‘ verbrämt. So wie Gründer es darstellt, waren die Missionare wirklich und tatsächlich von ihren Taten überzeugt und dachten, sie täten der indigenen Bevölkerung etwas Gutes. Natürlich ist es möglich, dass Menschen in diesen Kontexten mit und auch dank der Missionare subjektiv ein ‚besseres‘ Leben führten. Jedoch muss dabei natürlich der gesamte Kontext des Kolonialismus dazu gesehen werden und vor allem auch das strukturelle, oftmals rassistische Machtgefälle zwischen Kolonisierten und Kolonisierenden – und dazu gehörten die Missionare auch – darf nicht vergessen werden. Egal ob Katholiken oder Protestanten, ob Norddeutsche Missionsgesellschaft oder Benediktiner/innen; der Kolonisation und Mission war der Gedanke inhärent, dass die in Afrika existierenden Kulturen und Religionen dem europäischen Christentum unweigerlich unterlegen waren.

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Über Tobias Jakobi

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