Winfried Speitkamp zur Religion in Afrika im 19. Jahrhundert

Heute habe ich mir das Büchlein „Kleine Geschichte Afrikas“ von Prof. Dr. Winfried Speitkamp, Inhaber der Professur für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Kassel, vorgenommen. Es erschien ursprünglich 2007, wurde 2009 aktualisiert und neu aufgelegt und fand seinen Weg in meinen Besitz als Lizenzausgabe der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung.  Nur ein kleiner Hinweis am Rande: Im halbjährlichen bpb Magazin finden sich auf den letzen Seiten immer Auflistungen der Restposten der Schriftenreihe, dank derer man an hochwertige Bücher zu Preisen von üblicherweise 1€/Stück kommt. Selten so viel Buch pro Euro bekommen – ich habe mal für ca. 70€ dort eingekauft und bekam alles in zwei gigantischen Kartons.

In seiner Darstellung der afrikanischen Geschichte (besonders in den Kapiteln „Afrikanische Religion, islamische Revolution, christliche Mission“, S. 181-195 und „Mission, Bildung, Religion“ fand ich viele Aspekte, die sich mir bereits in der Lektüre von Christoph Marx‘ Buch – vgl .hier – erschlossen hatten. Speitkamp bezieht sich auch ausdrücklich auf Marx in seiner Darstellung und somit konnte ich viele ergänzende Fakten und Argumente heraus lesen.

Was bei Speitkamp besonders heraus kommt, ist das Un-, Halb- und Pseudowissen der Europäer über die afrikanischen Religionen. Sowohl zu Beginn des 19. als auch noch des 20. Jahrhunderts finden sich hauptsächlich Beschreibungen von  ‚Götzendiensten‘, ‚Fetischritualen‘ und ähnlichem. Für Speitkamp sind dies weniger glaubhafte Beschreibungen als ein Versuch, das Selbst über die Abgrenzung des Anderen – Stichwort Edward Said und Orientalismus – zu konstruieren. Was wir im Nachhinein feststellen können, ist, dass sich die afrikanischen Religionen während des 19. Jahrhunderts verändert haben, auch – aber nicht ausschließlich – wegen der sich wandelnden politischen Lage, sei es durch die Kolonialisierung oder durch durch die „Mfecane“ (Zerquetschung, Verwüstung), die Umgestaltung der süd- und ostafrikanischen Herrschaftsverhältnisse (vgl. Speitkamp 119).

Speitkamp befasst sich auch stark mit dem Verhältnis der Kolonialverwaltung bzw. der Regierung in der Metropole zu den Missionsgesellschaften. Dabei zeichnet er ein kaleidoskopisches, vielschichtiges Bild. So suchten etwa viele Missionsgesellschaften ihren Weg nach und durch Afrika ohne jegliche staatliche Unterstützung oder in der Kooperation mit Händlern und/oder ‚Forschenden‘. Der Aufbau von Missionsstationen kann dabei als erster Versuch des Aufbaus einer anderen Ordnung und Organisation angesehen werden, auf dem staatliche Kolonialisierung aufbauen konnte.  Jedoch waren die Ziele von Missionen und staatlicher Kolonialverwaltung oftmals unterschiedlich: Während die Missionare häufig mit einer (so Speitkamp) eher patriarchalischen statt rassistischen Vorgehensweise idealistisch die ‚Hebung‘ der Afrikaner/innen auf eine ‚höhere Zivilisationsstufe‘ anstrebten, war es den Vertretern der Metropole oftmals eher an pragmatischen Lösungen gelegen – etwa dem Aufbau einer funktionierenden Verwaltung und der Rekrutierung von Arbeitskräften. Während die Missionare also eher danach strebten, eine (durchaus konstruierte) ‚Volkssprache‘ zu entwickeln und zu lehren, so war die Kolonialverwaltung eher an der Unterrichtung der heimischen Amtssprache interessiert. Dies zeigt sich vor allem im Wettbewerb der Schulen in den Kolonien; während die religiösen Schulen der Missionare sehr an der Unterrichtung des Christentums interessiert waren, hatten die Regierungsschulen ‚pragmatisch-praktische‘ Stundentafeln. In Deutsch-Ostafrika etwa verbot die Kolonialregierung den anwesenden Missionaren (oftmals Benediktiner/innen aus Sankt Ottillien, darunter ab 1907 einer meiner Urgroßonkel, Willibrord Lay OSB) die Versuche, die islamischen Bevölkerungsteile zum Christentum zu ‚bekehren‘ und stärkte ausdrücklich das Existenzrecht der dortigen Koranschulen. In Deutsch-Südwest-Afrika, so Speitkamp, fanden hingegen in der genozidalen Situation der Jahre 1904-1907 Herero und Nama Schutz in den Stationen der Rheinischen Missionare.  Wie auch Marx berichtet Speitkamp von der zunehmend auch rassistischen Gedankenwelt der Missionierenden: So wurden viele Afrikaner, die als Katecheten und Prediger ausgebildet worden waren, explizit in den Rang von Gehilfen hineingedrängt und somit eine klare Trennung zwischen Europäern als leitende Missionare und Afrikaner als marginalisierte Unterstützer etabliert. Der Eifer vieler Missionsgesellschaften war auch (laut Speitkamp) mit der oftmals adventistisch-eschatologischen Theologie vieler Missionare zu erklären, die dennoch (widerwillig) Aspekte der afrikanischen Religionen in ihre Praktiken integrierten, um somit an Akzeptanz zu gewinnen. Aus diesen hybriden Religionsformen entstanden auch viele afrikanische Kirchen, welche ab 1918 und besonders ab 1945 aus ihrer Theologie heraus die Dekolonialisierungsbewegungen legitimieren und/oder unterstützen konnten.

Speitkamps Buch lässt sich noch flüssiger lesen als Marx‘, was wohl auch daran liegt, dass Marx eher in der Makro- und Mesoperspektive bleibt und seltener in die Mikroebene wechselt. Er bringt sehr lange, aber auch äußerst passende und spannende Quellenexzerpte, die seine klare Darstellung und Argumentation unterstützen.

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Über Tobias Jakobi

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2 Antworten zu Winfried Speitkamp zur Religion in Afrika im 19. Jahrhundert

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