Europäisches Christentum und die Mission in Süd- und Westafrika im 19. Jahrhundert

In vier Wochen habe ich meine Staatsexamensprüfung an der Uni Trier rum. Höchste Zeit, mit Elan in die Literatur einzusteigen. Ich habe vorgestern gefühlte 15kg Bücher ausgeliehen und fange gerade an, die wichtigsten Einführungswerke durchzuarbeiten. Erstes Buch war dabei die der UTB-Band „Geschichte Afrikas: Von 1800 bis zur Gegenwart“, 2004 im Schöningh-Verlag erschienen, aus der Feder des Professors für Außereuropäische Geschichte an der Uni Duisburg-Essen, Prof. Dr. Christian Marx.

Toll fand ich zunächst einmal, dass vor dem Abschnitt über die christliche Mission noch ein kurzer Abschnitt über die islamische Missionierung in Westafrika, eingeschoben wurde. Der Islam war in Westafrika hauptsächlich eine Religion der Eliten und wurde ab dem 19. Jahrhundert durch Sufis auch in der allgemeinen Bevölkerung durch Schulen und religiöse Einrichtungen populärer, vor allem (so Marx) seiner Betonung sozialer Gerechtigkeit.

Die christliche Mission kam nun vor allem in Westafrika in eine Situation, wo ihre Religion kulturell völlig fremd war. Der Islam war als langjährige Elitenreligion zwar nicht verbreitet, aber zumindest bekannt. Dennoch etablierten sich bis 1850 etwa 15 protestantische Missionsgesellschaften in Afrika, welche aufgrund ihrer Theologie des persönlichen Verhältnisses zu Gott und der eigenen Bibellektüre einen hohen Wert auf die Einrichtung von Schulen legten.

Darin lag auch einer der zentralen Konfliktfaktoren: Vor allem in Westafrika, einem Handelszentrum der zunehmend globalisierenden Geld- und Wertströme, verstanden die Afrikaner/innen, dass etwa die Kenntnis der europäischen Sprachen einen Vorteil für sie bedeuteten. Marx stellt nicht nur hier auf immer wieder interessante Weise die Afrikaner/innen als Akteure heraus, welche nicht nur als Opfer der europäischen Expansion zu sehen sind, sondern stets auch aus sich heraus mit eigenen Motiven agierten, wenn es ihnen möglich war. Konsequenterweise interessierte sich die lokale Bevölkerung auch recht wenig für die theologischen Spitzfindigkeiten der verschiedenen Missionsgesellschaften und ihre kleinteilige Abgrenzung von den anderen.

Die europäischen Missionare sahen in der westafrikanischen Gesellschaft oftmals nur die Polygamie, die durch Frauen durchgeführte Landwirtschaft und die dem Klima angemessene, oftmals wohl spärliche Bekleidung. Aus der eurozentrischen Perspektive dachte man, die Frauen seien Arbeitssklavinnen ihrer tyrannischen Männer und verstand nicht, dass die Frauen aus der Landwirtschaft und dem damit verbundenen Handel soziale Macht in ihren Gesellschaften verstanden. Somit nahmen die Frauen zwar gerne die Näh- und Handarbeitskurse der Missionare an, aber nicht, um danach zu folgsamen Hausfrauen zu werden, sondern um zusätzlich zur Landwirtschaft weitere Einkommens- und somit Machtquellen zu erschließen.

Dass die protestantischen Missionare so auf den Wandel der Geschlechterrollen bestanden, lässt sich aus der Verquickung des europäischen Weltbilds mit der christlichen Theologie erklären. Man sah das europäische Gesellschaftsmodell als das einzig richtige, und integraler Teil des europäischen Lebenswandels war das Christentum. Zudem war im Protestantismus der äußere Lebenswandel Reflektion des religiös-spirituellen Zustandes des Menschen. Daraus entstand die Prämisse, dass nur vollständig europäisch lebende Afrikaner/innen (monogam, europäisch bekleidet, westliche Geschlechterrollen) auch vollständig missionierte Konvertiten waren. Dieser Konflikt – zwischen den Afrikaner/innen, welche die ihnen nützlichen Teile der europäischen Wissensbestände und christlicher Theologie adaptierten und denen von ihrer Sendung überzeugten europäischen Missionierenden – wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch den zunehmenden Einfluss rassistischer Diskurse verstärkt. Innerhalb der Europäer kam es dabei zum Streit über die Zuverlässlichkeit der Konvertiten. Der Anglikaner Henry Venn erreichte die Berufung von Samuel Crowther als ersten afrikanischstämmigen Bischof im Jahr 1864, da er davon ausging, dass eine genügende Anzahl einheimischer Christen die Mission auch ohne Europäer fortsetzen konnten. Crowther genoss auch eine höhere Akzeptanz als die europäischstämmigen Missionare, wurde aber dennoch 1891 durch neue, rassistisch geprägte, europäische Missionare, in den Rücktritt gedrängt.

‚Erfolge‘ konnten die Missionare vor allem dort erreichen, wo sie sich mit den sozial Marginalisierten befassten. So kamen etwa in Südafrika viele Khoikhoi und Xhosa auf die bald flächendeckend eingerichteten Missionsstationen, wohin sie vor der unmenschlichen Ausnutzung in der Landwirtschaft durch burische Siedler flüchteten. Aber auch die Mfengu, ehemalige Klienten der Xhosa, verbanden sich eng mit den europäischen Missionaren und nutzen die Bildungsangebote. Mehr noch als in Westafrika versuchten Missionare hier – mit ihrem verklärten Bild des ‚Stammes‘ und des ‚Häuptlings‘ – durch die religiöse Konversion des Chiefs die Bevölkerung zum Christentum zu bewegen. Man verstand – wieder, so Marx, aufgrund des Festhaltens an der eurozentrischen Perspektive – nicht, dass die Autorität der Machthaber aufgrund ihrer religiös-spirituellen Verwurzlung entstand und eine Abkehr von den religiösen Wurzeln auch einen herben Legitimitätsverlust bedeutete.

*

Nun ja, soweit meine Zusammenfassung meiner Exzerpte aus dem 4. Kapitel von Chr. Marx, Geschichte Afrikas, Paderborn: Schöningh, 2004. Das Buch lässt sich sehr angenehm lesen, es finden viele und stets nachvollziehbare Wechsel zwischen Makro- und Mikroebene statt, wobei sich Darstellung und Argumentation gut und verständlich ergänzen. Sollte jemand weitere Literaturhinweise, Fragen etc. haben, bitte ich um Kommentare, Tweets @historytoby oder Mails an historyaccordingtotoby@gmail.com.

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Über Tobias Jakobi

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2 Antworten zu Europäisches Christentum und die Mission in Süd- und Westafrika im 19. Jahrhundert

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