Narrativität – knapp vorbei

Gestern auf dem City Campus Trier hatte ich beim Aufbau ein sehr interessantes Gespräch mit einem vorbeilaufenden Passanten. Er, etwa 55-60 Jahre alt, im Folgenden H., schaute auf meine bereits aufgehängten Poster und sagte sinngemäß, dass es ein interessantes Thema sei, und drückte auch sein Bedauern aus, dass Homosexuelle auch heute noch Diskriminierung erfahren würden. Da habe ich mich natürlich erstmal gefreut.

Ich weiß gar nicht mehr wie – aber das Gespräch wechselte irgendwann zum Thema Straßenumbenennung, genauer der Diskussion, ob die Trierer Hindenburgstraße  analog zum vormaligen Hindenburg-Gymnasium umbenannt werden sollte. Der Einwand meines Gesprächpartners:

„Welcher Zeit steht es denn zu, die Vergangenheit zu bewerten?“

Für mich ein toller Aufhänge, um über Narrativität zu sprechen. Ich sagte, dass das Vergangene ja nicht mehr existiert, sondern nur in unserer Erinnerung stattfindet und jeder Mensch anders über die Vergangenheit spricht. H. stimmte zu und sprach davon, dass – genau wie es viele verschiedene Tageszeitungen gibt – jeder anderes liest, anderes weiß und anders denkt. Ich freute mich total über diesen Austausch und sagte, dass die Ausstellung ja auch nur meine Erzählung der Geschichte der Homosexualität ist, dass es Diskussionsmöglichkeiten gäbe, dass meine Quellen offen lägen und dass es durchaus möglich, sogar erwünscht sei, eine andere Geschichte zu erzählen und somit die historische Forschung weiter zu bringen.

Nach einigen Minuten, in denen wir weiter darüber sprachen, dass verschiedene Geschichten erzählt werden, verschiedene Blickwinkel, Medien und Perspektiven existierten, beugte sich H. dann etwas konspirativ nach vorne, lächelte verschmitzt, zwinkerte und sagte:

„Und wissen Sie, was ich mache, wenn ich wissen will, was wirklich passiert ist? Dann schau ich in ein Geschichtsbuch!“

Danke, Ranke.

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Über Tobias Jakobi

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