Neue alte Denke: Der Weltkrieg, Nationalismus und Online-Leserkommentare

Seit Jahren ärgere ich mich schon über Leserkommentare unter Artikeln von Online-Zeitungen. Gibt es einen Artikel über deutsche Geschichte, ist gerne die Rede von der deutschen Selbstbeschämungsindustrie, das Brainwashing der alliierten Besatzungsmächte und der Geschichtsklitterung, welche Deutschland als das Übel des 20. Jahrhunderts darstellt. Nur als Beispiel für diese Kommentare sei hier ein Beitrag über deutsche Kolonialverbrechen in der ZEIT verlinkt, Der erste Leserkommentar lobt noch den Artikel; vom zweiten ist nur noch die Überschrift „Deutschland in den Dreck ziehen“ und der Nutzername „LeopoldvonRanke“ übrig, der Inhalt wurde aufgrund seiner Unsachlichkeit von der Redaktion entfernt. Der dritte war auch der letzte, den ich mir ansehen wollte,

„Wie wärs mal damit, liebe „Historiker“, sich mal wieder auf die positiven Aspekte deutscher Geschichte zu konzentrieren? Macht das Suhlen in der eigenen (angenommenen) Schlechtigkeit denn so viel Spaß? Die Deutschen haben dies getan, die Deutschen haben jenes getan, diesen getötet, jenen getötet…geht’s noch?“ (–LeopoldvonRanke)

Immer die Möglichkeit im Kopf, lediglich die Beiträge eines Trolls zu lesen, steht dieser Beitrag stellvertretend für den Tenor vieler Online-Kommentare und Rezensionen auf Amazon. Ich dachte lange, dass ich da einen zu starken Fokus habe und dies nur eine Randerscheinung ist. Jetzt habe ich zwei Beispiele gefunden, wo renommierte Historiker/innen die gleichen Probleme beklagten. So spricht Annika Mombauer in diesem Podcast des DHI London über die polemischen, nationalistischen und erschreckend geschichtsunbewussten Rezensionen zu Büchern zum Ersten Weltkrieg auf Amazon.de; in einer Rezension zu den zwei neuesten Büchern von Gerd Krumeich merkt Friedrich Kießling mit Bezug auf Christopher Clarks Buch The Sleepwalkers an:

„Das Ende der Fischer-These wird ausgerufen, obwohl die Forschung diese Debatte seit mindestens zwei Jahrzehnten verabschiedet hat. Selbst ein Internetportal wie t-online schaltet eine eigene Seite zum Ersten Weltkrieg und verkündet dort lauthals als „neue“ These: „Die Deutschen hatten den Krieg nicht geplant.“ Die mehreren hundert Beiträge des dazugehörigen Userforums liest man am besten gar nicht.“

Dies alles steht für mich im Einklang mit einem Wandel der deutschen Politik und Gesellschaft, deren Symptome Thilo Sarrazins neo-biopolitischen Thesen in  Deutschland schafft sich ab, die Etablierung einer national-konservativen „Alternative für Deutschland“ und der Ablehnung von liberalen Diskursen (wie die Forderung nach Gleichstellung von Homosexuellen oder Frauen) sind.

Ich finde es gut, dass über Geschichte debattiert wird – dass Narrative diskutiert, evaluiert und rekonstruiert werden müssen, habe ich selbst hier dargelegt. Aber wenn, wie in diesem Tweet bemängelt wird, keine wissenschaftliche Grundlage für die Diskussion zu finden ist, sondern durch falsche Fakten und polemische Vereinfachung daraus nur oberflächliches Gelaber wird, ist niemandem geholfen. Zum Glück steht uns Historiker/innen das Web 2.0 zur Verfügung – wir sollten es nutzen.

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Über Tobias Jakobi

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